Familienverhältnisse: Duisburger Filmwoche zu Gast
50 Jahre Duisburger Filmwoche: Zum Jubiläum geht das Festival auf Tour und hat für das Filmpodium sechs Programme aus seiner reichen Geschichte zusammengestellt. Ein Rückblick auf ein Festival, das den Dokumentarfilm im deutschsprachigen Raum nachhaltig geprägt hat – mit seiner pointierten Kuration und seiner Debattenkultur, festgehalten in den berühmten Duisburger Protokollen. Im Fokus stehen Filme, die sich Familien widmen. Keine Familienfilme, eher Anti-Familienfilme, Filme, die Familien be- und hinterfragen. Zu Gast sind Festivalleitung und Kurator:innen und natürlich zahlreiche Filmemacher:innen.
Egal, ob gemalt, fotografiert oder gefilmt, gehören «Familienbilder» seit mehr als 200 Jahren zur soziokulturellen Praxis des Bürgertums. In sie eingeschrieben ist oftmals eine patriarchale Ordnung des sich selbst präsentierenden Glücks. Auch für dokumentarische Filme ist die Familie ein prägendes Thema. Allerdings werden in ihnen eher selten brauchbare Aufnahmen für nostalgische Sippenalben produziert. Vielmehr suchen die Arbeiten nach den Rissen in den bereits gemachten Bildern. Oder sie suchen neue Bilder, die eher dem gleichen, was dem jeweiligen Familienleben hinter der Glücksfassade entspricht. «Sag bloss nichts von zu Hause!» Mit dieser Aufforderung ist nicht nur Irene Rakowitz, Protagonistin von Helga Reidemeisters unverblümt die Dynamiken einer Arbeiterfamilie freilegendem Von wegen «Schicksal» (1979), gross geworden. Sie prägt die anhaltende Trennung zwischen privatem und öffentlichem Leben. Eine Trennung, so wird deutlich, die vor allem der Aufrechterhaltung bestimmter Strukturen dient. Eines der häufigsten Bilder in den Filmen ist nicht zufällig das der geschirrspülenden Frau. Eindrücklich werden in den Filmen Rollenverteilungen in den Familien erzählt und bisweilen heftig hinterfragt. Der Spülschaum perlt an der Quelle der innerfamiliären Dramen und Traumata. In ihm spiegelt sich eine weit über die Familiengrenzen hinausragende Ungerechtigkeit. Das Mobiliar des täglichen Zusammenlebens ist zerbrechlich. Die Auseinandersetzungen mit Familien sind letztlich immer auch Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft. Die Kamera in den Filmen stellt dabei sowohl eine Nähe her als auch eine nötige Distanz. Ein Beispiel dafür ist Karin Jurschicks Danach hätte es schön sein müssen (2001). Die Filmemacherin filmt sich selbst und ihren Vater im Haus ihrer Kindheit. Es geht um den Versuch, mit dem Suizid der Mutter klarzukommen. Die Kamera schafft eine gewisse Objektivität, die es überhaupt erlaubt, etwas zu erfahren und über die heftigen Umstände nachzudenken. In anderen Arbeiten filmen sich die Familienmitglieder gegenseitig, fast verspielt, als gäbe es keine Konsequenz einmal gemachter Bilder. Wohl nirgends sonst darf eine Kamera so unsichtbar sein wie im engsten Kreis der Familie. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Filmemacher:innen selbst Teil der Familie sind oder als Aussenseiter:innen in den Mikrokosmos eintreten. Die Vertrautheit der Umgebung und der Gesten lässt die bedrohliche Endgültigkeit einmal aufgenommener Bilder verblassen. Es entstehen ungeschönte, spontane, lebensnahe Bilder.
Es handelt sich im besten Sinne des Wortes um Konfrontationsfilme, die einen Anlass bieten, um überhaupt einmal zu sprechen oder sich bestimmter Konstellationen bewusst zu werden. Traumata werden aufgedeckt, Narben werden geheilt oder reissen auf. Coming-outs werden möglich oder nötig wie in O Ma (2023) von Mengzhu Xue oder in Madame (2019) von Stéphane Riethauser. Töchter befragen ihre Eltern. Ehemänner rechtfertigen sich. Mütter reden sich in Rage. Wie stark die schonungslosen Konfrontationen beschäftigen, zeigt ein Blick in die Protokolle der in Duisburg legendären Filmgespräche. Filme wie Ich denke oft an Hawaii (1978) von Elfi Mikesch oder Von wegen «Schicksal» bewirkten heftige Debatten, die unausgesprochen immer auch von bestimmten Ansichten zur Rolle der Familie in der Gesellschaft erzählen.
Was sammelt sich an in einem Familienleben? Welche Geschichten lagern sich in den Gegenständen ab? Welche in den Bildern? Wieso findet sich dort so viel Gewalt? In gewissem Sinn beschreibt diese Filmreihe die Dokumentation fehlender Liebe oder besser: die Sehnsucht nach familiärer Vertrautheit und Zärtlichkeit.
Patrick Holzapfel
Patrick Holzapfel arbeitet als Autor, Filmemacher und freier Kurator. Im Juni 2024 erschien
sein Debütroman «Hermelin auf Bänken» bei den Rohstoffen von Matthes & Seitz. Sein zweiter Roman «In tiefen Lagen» erscheint im Januar 2027 bei Klett-Cotta. Er ist Herausgeber und Chefredaktor von «Jugend ohne Film» und setzt sich dort für literarische Filmkritik ein.
Zusatzinformationen:
Das Filmpodium dankt der Duisburger Filmwoche für die gute Zusammenarbeit.