Nüschelerstrasse 11, 8001 Zürich - 044 415 33 66

< Zurück

Red & Black: Hollywood Left and the Blacklist

1947 kam der Kalte Krieg nach Hollywood: Reaktionäre Kräfte witterten ihre Chance und stellten die Filmindustrie als von der Kommunistischen Partei unterwandert dar. Im darauf einsetzenden antikommunistischen Wahn verloren unzählige Filmschaffende ihre Lebensgrundlage und wurden auf die Schwarze Liste gesetzt. Die von Ehsan Khoshbakht kuratierte Retrospektive «Red & Black» des Locarno Film Festival widmete sich diesem dunklen Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte. Als Coda zu unserer grossen Retrospektive, die wir 2018 der Schwarzen Liste gewidmet haben, präsentieren wir eine Auswahl von neuen Restaurierungen und Filmen, die damals nicht verfügbar waren. Im Mittelpunkt der Auswahl stehen die Jahre 1947 bis 1951, die Jahre, in denen der Antikommunismus Hollywood erschütterte und linke Filmschaffende zu einer wütenden Reaktion ansetzten. Im Fokus ihrer Kritik: Rassismus, Gier und der Raubtierkapitalismus, der vor nichts zurückschreckt. «Gemäss der marxistischen Theorie konnten in Hollywood keine anständigen Filme gedreht werden. An den Treffen in den Hollywood-Clubs – ein Begriff, den wir dem Wort ‹Zellen› vorzogen – wurde ständig die Frage diskutiert: Soll ich in Hollywood bleiben? Oder soll ich versuchen, abseits von Hollywood Filme zu machen, die sich mit den theoretischen Grundlagen befassen, warum wir eigentlich in der Kommunistischen Partei sind? Dieses Dilemma wurde nicht gelöst, und es konnte auch nicht gelöst werden, weil es künstlicher Natur war. (…) Wenn man ins Filmgeschäft einsteigen will und wenn man von Filmen fasziniert ist und sich für Filme interessiert, dann gibt es nur eine Möglichkeit: Man versucht, Spielfilme für Studios zu drehen. Das ist vielleicht nicht die beste Lösung. Es kann damit enden, dass jeder künstlerische Impuls dabei völlig zunichtegemacht wird. Aber Tatsache ist: Das ist die einzige Wahl.» Abraham Polonsky, 1997

Die Geschichte der Schwarzen Liste und des Antikommunismus in Hollywood ist eine Geschichte der immer wiederkehrenden Fragen: Sind oder waren Sie jemals Mitglied der Kommunistischen Partei? Haben Sie die Volksfront unterstützt? Waren Sie mit dieser oder jener Person befreundet? Wer war bei den Treffen anwesend? Die tatsächlichen Antworten wurden dabei im Laufe der Zeit zunehmend unbedeutender. Das berüchtigte House Un-American Activities Committee, kurz HUAC, dessen Ziel es war, eine angebliche kommunistische Verschwörung in der Filmindustrie aufzudecken, wusste dank dem FBI und diversen Spitzeln ohnehin sehr genau, wer wann Mitglied der KP war, wer zu den Unterstützer:innen zählte und wer sich für linke Organisationen engagierte. Es gab jedoch einen blinden Fleck, eine Art Vakuum, das die ganzen Anhörungen ab 1947 über merkwürdig unangetastet blieb. Während über die Biografien der einzelnen Filmschaffenden im Detail gesprochen wurde, spielten die eigentlichen Filme kaum eine Rolle. Von einer handfesten Filmkritik und -analyse nahm das Komitee deutlich Abstand, es fehlte schlicht die notwendige Kompetenz dafür. Auf diese Sprachlosigkeit gaben die linken Filmschaffenden ihre ganz eigene Antwort. Viele der Filme, die sie zwischen 1947 und 1951 schrieben, inszenierten, produzierten und in denen sie auftraten, sind aussergewöhnlich. Ihr Blick verdüsterte sich dabei mit jedem Jahr, ihr Fatalismus resultierte in der wachsenden Dringlichkeit ihrer Arbeiten. Zeigte John Berry etwa in seinem zweiten Film, dem Kriegsheimkehrer-Drama From this Day Forward (1946), noch Ansätze, die als ein optimistischer Blick in die Zukunft gelesen werden können, so blieb von diesem Optimismus im Blacklist-Kino der folgenden Jahre nur wenig übrig. In Berrys fünf Jahre später gedrehtem He Ran All the Way (1951) steht ein von John Garfield gespielter Bankräuber im Mittelpunkt, der eine Familie als Geisel nimmt und so verzweifelt versucht, der Polizei zu entkommen. Dabei ist klar: Seine Zukunft liegt in Trümmern, und in einer Szene bezeichnet er die Menschen gar als Müll. In einem Interview sagte Berry rückblickend: «Wir waren kämpferisch. Wir hatten das Gefühl, dass wir es schaffen würden. Wir wussten, dass es gefährlich war und so weiter, aber na und?» Er setzte die Filme in Bezug zum Zeitgeschehen: «Es ging natürlich um den Untergang. Das war kein Zufall.» He Ran All the Way war Berrys letzter Film in Hollywood. 1951 verliess er die USA und zog nach Paris. Wie tief der Schmerz sass, liess er durchblicken, als er auf die Frage, warum er nach Frankreich gegangen sei, antwortete: «Ich wollte kein Englisch mehr sprechen.»

Verängstigtes Hollywood

Viele der von der Schwarzen Liste betroffenen Filmschaffenden waren in den 1930er- und 1940er-Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei oder sympathisierten mit deren Programm. Die Weltwirtschaftskrise und ihre verheerenden Folgen, die Grosse Depression in den USA, der Aufstieg des Faschismus in Europa, der Spanische Bürgerkrieg – die Konsequenz aus alledem war, dass der Kommunismus für viele Künstler:innen und Intellektuelle eine naheliegende Alternative zum Kapitalismus darstellte. Mehrere von ihnen zog es in die New Yorker Theaterszene, andere arbeiteten als Autor:innen und Journalist:innen oder engagierten sich für Gewerkschaften. Diejenigen von ihnen, die nach Hollywood gingen, sahen sich nicht nur mit hierarchischen Produktionsstrukturen und einer Zensurbehörde konfrontiert, die den strikten Production Code durchzusetzen versuchte, sondern auch mit einer alltäglichen Geringschätzung ihrer Arbeit. Doch trotz aller Restriktionen des eng reglementierten Studiosystems vernimmt man aus zahlreichen Filmen dieser Zeit eine deutliche Dissonanz und Kritik. Es waren Werke, die eine linke Vision der USA entwarfen, selten utopisch, dafür immer präzise analysierend – und ein Kino, das früh vor dem Faschismus warnte, Rassismus wie Kapitalismus und Sexismus anprangerte. Die leidenschaftliche und unerschütterliche Wut, mit der sich die Filme immer wieder die Gesellschaft vorknöpften, hat, blicken wir auf unsere Debatten der Gegenwart, etwas geradezu unheimlich Zeitgenössisches. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der Wind jedoch gedreht. Der Vorwurf, «unamerikanisch» zu sein, entwickelte eine ganz neue Schlagkraft, neue Fronten und Kämpfe kündigten sich an. Der Kalte Krieg hatte begonnen – auch in Hollywood, wo ab 1947 die berüchtigten HUAC-Anhörungen stattfanden. Dieser virulente Antikommunismus zerstörte etliche Karrieren. Mehrere Hundert Filmschaffende, darunter tatsächliche Kommunist:innen, aber auch viele, die sich in den 1930ern öffentlich gegen Faschismus und Nationalsozialismus aussprachen und sich der Volksfront, der breiten politischen Allianz zwischen der KP und anderen linken Organisationen, anschlossen, erhielten ein Berufsverbot und konnten zum Teil bis weit in die 1960er-Jahre keine Arbeit mehr in der Unterhaltungsindustrie finden. Die Schwarze Liste beraubte diese Menschen nicht nur ihrer Lebensgrundlage, sie zerstörte auch eine linke Kultur und vergiftete das gesellschaftliche Klima. «Sie haben keine Ahnung, was für eine Angst Hollywood ergriffen hat», zitierte die «Washington Daily News» 1947 die Schauspielerin Lauren Bacall. Viele entschieden sich, das Land zu verlassen, und zogen nach Mexiko oder Europa. Paul Jarrico etwa, ein Drehbuchautor, dessen Name sich ab 1951 auf der Schwarzen Liste befand, zog nach Frankreich. Dort musste er sich eine neue Karriere aufbauen. Teils unter Pseudonym verfasste er zahlreiche Drehbücher, wie etwa für den herausragenden Film All Night Long (1962), ein im Jazz-Milieu angesiedeltes Drama, das Rassismus und die Gier nach Ruhm scharf angriff.

Kapitalismus ist ein Verbrechen

Die Filme setzten dabei im Gegensatz zum klassischen Film noir andere Schwerpunkte. Mit den verführerischen Femmes fatales, Nachtclubs und wortkargen Gangstern kontrastieren sie Männer, die arbeitslos sind, und Frauen, die versuchen, ihre Familien zusammenzuhalten. Luxus weicht heruntergekommenen Örtlichkeiten, die die ökonomischen Hintergründe der Figuren nur noch deutlicher hervorheben. Wer Erfolg haben will, der darf keine Rücksicht walten lassen. Um als Erster Fotos von Verbrechen machen und diese dann teuer an Zeitungen verkaufen zu können, lässt sich im mitreissenden Film Shakedown (1950) ein Fotograf auf einen finsteren Pakt mit einem Gangster ein. In Jules Dassins Noir-Drama Thieves’ Highway (1949) sind Lastwagenfahrer dem Raubtierkapitalismus dermassen ausgeliefert, dass ihre Arbeit zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit wird. Überhaupt spielen Autos eine wichtige Rolle. In der US-Filmindustrie ist die Abwesenheit eines Autos oft gleichbedeutend mit Armut. Im Blacklist-Kino werden in entscheidenden Momenten die Protagonisten immer wieder zu Fussgängern degradiert: In Abraham Polonskys wütender Kapitalismuskritik Force of Evil (1948) spielt John Garfield einen zwielichtigen Anwalt, der für ein Verbrecherkartell arbeitet, in dessen Strudel auch sein kränklicher Bruder gezogen wird. In dem Augenblick, in dem ihm das ganze Ausmass des Unheils bewusst wird, läuft er alleine frühmorgens durch die menschenleere Wall Street, wobei ihn die Wolkenkratzer ringsherum zu vollkommener Bedeutungslosigkeit reduzieren.
Hannes Brühwiler

Überarbeitete Fassung eines Textes, der in «The Sound of Fury — Hollywoods Schwarze Liste» (Hannes Brühwiler [Hg.], 2020) erschienen ist.

Zusatzinformationen: Das Filmpodium dankt dem Locarno Film Festival und Ehsan Khoshbakht für die gute Zusammenarbeit.