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Ein Wochenende für Bruno Ganz

Bruno Ganz (1941–2019) war einer der bedeutendsten Schauspieler Europas und ein Liebling des Publikums. Aus dem Zürcher Arbeiterquartier Seebach führte ihn sein Weg auf die grossen Bühnen des deutschsprachigen Theaters und in über hundert Filmrollen, mit denen er Kinogeschichte schrieb. Er spielte den russischen Grafen genauso überzeugend wie den Hamburger Bilderrahmer, verkörperte den Biogenetiker wie den Schachchampion. Er war Engel und Teufel, Bauer und Kriegsreporter, Hochstapler, Entführer, Verführer und vieles mehr. Sein facettenreiches Filmschaffen ist bis heute lebendig: sein sanfter Schalk, sein am Text geschultes Spiel, seine unverwechselbare Stimme und seine Präsenz. Am 22. März 2026 wäre Bruno Ganz 85 Jahre alt geworden. Am Geburtstagswochenende feiern wir ihn im Filmpodium mit zehn Filmen, einer Buchvernissage und einem Abend mit Wim Wenders. Es begann in Zürich-Seebach. Zum Abschluss des Konfirmationsunterrichts gabs eine Bühnenaufführung von «Der verlorene Sohn». Die Titelrolle übernahm der Sohn eines Fabrikarbeiters und einer italienischstämmigen Hausangestellten. Er hiess Bruno Ganz. Zur Kantizeit konnte der Schüler Aufführungen am Schauspielhaus besuchen; ein Beleuchter nahm ihn mit auf seinen Balkonplatz. Und Bruno wusste eines kristallklar: Ich will Schauspieler sein. Er sah da Leute, «die auf eine Bühne gingen und sich verwandelten, die eine Welt aufbauten, die weit entfernt war von meinem Alltag, in einer Dringlichkeit und in einer Intensität, die alles, was ich an Realität in meiner Umgebung wahrnahm, in den Schatten stellte». Er empfand es als ungeheuerlich, dass «Menschen mit einer solchen Tätigkeit, auch mit einer Leinwand oder wenn sie etwas schreiben, mir einfach unentwegt Räume eröffnen, die den Geist beschäftigen und meine Fantasie, die mich auch durchdringen, von mir Besitz ergreifen und mich in eine Art grosse Begeisterung geraten lassen, dass es Leute gibt, die so etwas können».

Zum Film über die Bühne

Noch mehr als das Theater liebte der junge Ganz das Kino. Aber es gab in Zürich um 1960 herum keine Möglichkeit, sich in diesem Bereich auszubilden. Er nahm Sprechunterricht, besuchte das Bühnenstudio und bekam dank dem Regisseur Karl Suter eine erste kleine Filmrolle als Hotelpage in der Walter-Roderer-Komödie Der Herr mit der schwarzen Melone. Gewichtiger danach seine Figur eines Söhnchens vom Zürichberg in Kurt Frühs Stadtfilm Es Dach überem Chopf, in dem es – man lese und staune – 1961 um die Wohnungsnot in der Limmatstadt ging. Bruno Ganz wollte mehr. Er nahm 1962 eine Gelegenheit am Jungen Theater Göttingen wahr und landete 1964 in Bremen, wo sich die künftigen Theaterstars in Regie und Spiel einfanden, bevor sie in Berlin mit der Schaubühne am Halleschen Ufer jenes Theater schufen, das eine Epoche prägte. Der Spielfilm Sommergäste, in dem Peter Stein mit seinem Ensemble eine der erfolgreichsten Bühnenaufführungen in die Landschaft am Stadtrand von Berlin zauberte, vermittelt heute noch einen Eindruck von der ungemeinen Ausstrahlung, die dieses Ensemble hatte.

Für Bruno Ganz bildeten die Sommergäste den Übergang vom Theater ins Kino. Er verliess die Schaubühne nach der ihn prägenden Filmerfahrung mit Éric Rohmer und Kleists Marquise von O ... . Er sah und spürte, wie in Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und anderswo sich eine neue Art von Filmemachen entwickelte – da wollte er dabei sein. In einer Art Vorspiel hatte er schon in seiner Bremer Zeit 1967 eine Hauptrolle in einem der ersten Filme des Jungen Deutschen Kinos gespielt: Der sanfte Lauf von Haro Senft. Die Liebesgeschichte aus München mit Abstecher nach Prag strahlt heute noch die Aufbruchstimmung aus, die jene Generation prägte. Und Ganz verzückte ein erstes Mal als Charmeur und Liebhaber. Den internationalen Durchbruch verschaffte ihm Wim Wenders, für den er in der Highsmith-Adaptation Der amerikanische Freund die Hauptrolle übernahm und der ihn ein paar Jahre später als Engel aus dem Himmel über Berlin auf die Erde schweben liess. Sein Damiel sollte neben der Rolle Hitlers in Der Untergang zu einem Schlüsselpart werden, der das Spektrum dieses Schauspielers absteckte: Vom Engel bis zum Teufel konnte er ganz einfach alles.

Menschwerdungen

Eine seiner absoluten Lieblingsrollen war 1978 die des Biogenetikers Berthold Hoffmann in Reinhard Hauffs Messer im Kopf Das hat mehrere Gründe. Zum einen war der Film eine Art politisches Manifest, in dem die Beteiligten zum Ausdruck bringen konnten, wie fremd ihnen ihr Land geworden war. Zum anderen konnte Bruno Ganz eine Menschwerdung durchspielen, hatte seine Figur doch bei einer Razzia das Gedächtnis und die Bewegungsfähigkeit verloren, musste von vorne anfangen und alles, was das Menschsein ausmacht, neu aufbauen. Was macht man als Schauspieler oder als Schauspielerin anderes als vor den Augen anderer Menschen erschaffen, und dies möglichst so, dass sie allen real vorkommen?

Bruno Ganz spielte in jedem Film eine andere Rolle, aber doch war er immer er selbst. Seine Stimme bleibt unverkennbar, seine Mimik eigen. Zu seinem Talent gehörte es, dass er mit der Hülle Bruno Ganz all diese unterschiedlichen Figuren verkörpern konnte, mehr noch: dass er sie war und bleibt. Er gehörte zu den Schauspielern, die sich auf eine Rolle konzentrieren, und zwar so intensiv, dass sie genau genommen nicht mehr spielen müssen: Sie sind auf dem Set diese eine Figur. In seinem letzten Film Winterreise von Anders Østergaard und Erzsébet Rácz hat das der Sohn des Musikers, den Bruno Ganz verkörperte, erlebt: Er sah den eigenen Vater vor der Kamera, aber nicht, weil Bruno Ganz aussah wie sein Vater, nein: Sein Spiel lebt von Wesensmomenten des Vaters, die der Schauspieler sich zu eigen machte.

Manchmal konnte er dabei direkt auf eigene biografische Erfahrungen zurückgreifen wie jene, die er in den Ferien als Bub auf dem Bauernhof der väterlichen Geschwister in Wiler im Zürcher Weinland machte und mit dem Vater, der im Keller gerne bastelte und dabei Dinge austüftelte. Der Erfinder, der erste Spielfilm, den er 1980 in der Schweiz realisierte, war für ihn entsprechend auch eine Hommage an den Vater Oskar. Der Bauer Jakob Nüssli macht in diesem Film eine Erfindung und muss danach erkennen, dass es sie schon gibt. Für Alain Tanner reiste Bruno Ganz nach Lissabon, wo der von ihm bewunderte Genfer Regisseur ihn ohne Drehbuch als gestrandeten Matrosen in der Stadt am Tajo herumtauchen, filmen und eine Liebeserfahrung machen liess wie 1999 in Venedig, wo sich in Pane e tulipani von Silvio Soldini, einem der erfolgreichsten Filme mit Bruno Ganz, eine unerwartete Liebesgeschichte entwickelte. Er mimte da den melancholischen Kellner, der auf eine Hausfrau trifft, die von Mann und Söhnen an einer Raststätte vergessen wird. Dazwischen nahm Bruno Ganz als aussichtslos erkrankter Dichter Alexander in Die Ewigkeit und ein Tag von Theo Angelopoulos in Saloniki Abschied vom Leben, um Fragen des Schöpferischen kreisend, wie sie ihn persönlich ein Leben lang umgetrieben haben.

Nicht nur sich selber sein

Mit einem Schauspieler altern auch die Figuren, die zu spielen ihm angeboten werden. Ganz war unermüdlich, verkörperte den Sarg schreinernden Grossvater in Fredi Murers Vitus den Alpöhi in Alain Gsponers Heidi und den Viehhändler Arthur Bloch in der Chessex-Verfilmung Un juif pour l’exemple, in der Gegenwart und Vergangenheit ineinander verschmelzen, weil die Geschichte, die da erzählt wird, nicht vergessen gehen darf. In The Party der Britin Sally Potter trifft sich eine Handvoll Leute, um den politischen Aufstieg einer Freundin zu feiern. Hier steht das Spiel im Mittelpunkt, das wir im Leben alle dauernd spielen, das Spiel, das die unterschiedlichsten Formen annehmen mag und die überraschendsten Wendungen, das Spiel, in dem man als Schauspieler besonders intensiv aufgehen kann, in der Freude, nicht nur einer zu sein, nicht nur sich selbst, was immer das ist, nein: sich immer wieder in der Haut eines anderen zurechtfinden soll und dabei am Ende sich selber ein Stück näherkommt.
Walter Ruggle

Walter Ruggle war von 1984–1999 Kulturredaktor beim «Tages-Anzeiger» und leitete danach die Stiftung trigon-film. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter einer Monografie zum Filmemacher Theo Angelopoulos und eines Lese- und Schaubuchs zum Weltkino. Im März 2026 erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess sein neustes Buch «Schau Spiel Bruno Ganz».