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Lino Brocka: This Is My Country!

«Art is not just mirroring life, it is confronting people with it.» – Lino Brocka verstand Kino nicht als Abbild oder gar Flucht, sondern als Eingriff und als Haltung. Mit seinen Filmen berührte und rüttelte er auf – und erreichte ein Millionenpublikum. Brocka erzählt von Leben, das unter Druck steht – und von den Strukturen, die diesen Druck erzeugen, von Klassengesellschaft, Ausbeutung, Korruption und Heuchelei. Er gilt als der wichtigste Filmemacher der Philippinen. Für viele war er aber weit mehr: «Papa Lino», eine moralische Instanz. Seine Filme sind prall gefüllt mit Leben und Leid: Neorealismus trifft Melodram, trifft Genre – unmittelbar, emotional, körperlich. Gedreht für ein breites Publikum, das die eigene Realität auf der Leinwand wiederfand. Weil er Missstände direkt ansprach, waren viele seiner Filme im eigenen Land, insbesondere während der Marcos-Diktatur, zensiert oder verboten – an internationalen Festivals aber, wurden sie gefeiert. Zahlreiche seiner Filme sind heute verloren. Umso mehr freuen wir uns, dass unsere Retrospektive zentrale Werke in neuen Restaurierungen auf die Leinwand bringt und die Gelegenheit bietet, das kraftvolle Kino von Lino Brocka zu entdecken. Zu Beginn von Christian Blackwoods Signed: Lino Brocka liest Lino Brocka auf dem Sofa in seiner Wohnung in Manila ein Statement vor, das er gerade an die Filmfestspiele von Cannes zu übermitteln versucht. «Filme rufen für mich die spontane, reine und von jedem Unsinn freie Beziehung wach, die ich als Kind zur Welt hatte.» Es ist ein in Annäherungen an Brockas Kino oft zitierter Satz. Im Englischen wird die Stelle, die ich mit «von jedem Unsinn freie» übersetzt habe, «no-nonsense», üblicherweise deutend übersetzt mit «unprätentiös», «ernsthaft», «einfach». Doch mit Blick auf Lino Brockas Filmschaffen ist die wörtliche Übersetzung attraktiv, sein Kino ist eben nicht ernsthaft und unprätentiös, und selten einfach, dafür aber ganz entschieden frei von jedem filmmacherischen Unsinn. Brockas Filme nähern sich den Realitäten auf den Philippinen zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit von den 1970er bis frühen 1990er Jahren mit grosser Direktheit, viel Empathie, aber auch mit grosser Poesie. In den 21 Jahren, die zwischen seinem Debüt und seinem Tod liegen, entstehen gut 60 Regiearbeiten im Spannungsfeld zwischen unabhängigen Produktionen und der rein kommerziell ausgerichteten philippinischen Filmindustrie.

Manila in the Claws of Light, Brockas berühmtester Film, kreist um Julio, einen jungen Mann, der vom Land nach Manila kommt, auf der Suche nach seiner Freundin Ligaya. Um zu überleben, arbeitet Julio unter prekären Umständen auf einer Baustelle, die einen der Neubauten für die Mittelschicht hochzieht. Auf der Strasse erkennt Julio eine ehemalige Lehrerin Ligayas wieder. Als er der Frau einige Tage später folgt, versteht er, dass sie Ligaya nicht wie angekündigt nach Manila gebracht hat, damit sie auf eine bessere Schule gehen kann, sondern um sie als Sexarbeiterin auszubeuten.

Gegenbild und Inbegriff

Brockas Film entstand 1974, zwei Jahre nach Ausrufung des Kriegsrechts durch den Präsidenten der Philippinen Ferdinand Marcos und während sich dessen Staatsterror immer weiter radikalisierte. Er selbst war Ende der 1950er Jahre zum Studium nach Manila gekommen, brach seine Ausbildung aber ab und reiste nach Hawaii, um sich in einer Leprakolonie zu engagieren. Wenig später kehrte Brocka in die Philippinen zurück und lebte mehrere Jahre in absoluter Armut. Im bereits erwähnten Porträtfilm Blackwoods Signed: Lino Brocka berichtet Brocka, dass er allein sechs Jahre damit verbracht hatte, an einem Theater Schauspielern leere Flaschen zu bringen und sie anschliessend mit Urin gefüllt eine Treppe hinunterzutragen, damit die Proben nicht unterbrochen werden mussten. Zu sagen, Lino Brocka habe Theater und Kino von Grund auf gelernt, ist daher eine ziemliche Untertreibung.

Den sozialen Hintergrund von Manila in the Claws of Light bildet eine immer weiter auseinanderdriftende Gesellschaft inmitten eines fragilen wirtschaftlichen Aufschwungs. Die wachsende Armut in den Städten, nicht zuletzt durch Zuwanderung vom Land, wie jene von Julio in Brockas Film, wurde von offizieller Seite aber ignoriert und im Stadtbild versucht, hinter saubere Fassaden zu pressen – so wie in den Filmen des populären Kinos, die vom Realismus der Filme Brockas grundbereinigt sind.

Manila in the Claws of Light wurde schon damals durch die vielfältigen Referenzen auf die Gegenwart seiner Entstehungszeit zum Inbegriff eines Kinos, das sich von der Repression Marcos’ nicht hatte korrumpieren lassen. Zugleich entwarf der Film ein Gegenbild zum populären Kino. So waren einige der Schauspieler aus Mainstream-Filmen weithin bekannt, wurden jedoch entgegen ihren gewohnten Rollenbildern besetzt; Der als Charakterdarsteller positiver Identifikationsfiguren bekannte Tommy Yap etwa übernahm hier die Rolle von Ligayas Zuhälter Ah-tek. Zugleich brachte der Film einige Grössen der jüngeren Generation philippinischer Filmschaffender zusammen. Am Anfang des Films stand denn auch Mike De Leon. De Leon (geboren 1947) stammte aus einer Traditionsfamilie der philippinischen Filmindustrie und sollte einige Jahre später neben Brocka und Ishmael Bernal zu einem der bedeutenden Regisseure des sozial-bewussten, aber populären Kinos der Philippinen werden. De Leon schlug Brocka (geboren 1939) vor, die Erzählung von Edgardo M. Reyes aus den 1960er-Jahren für die von ihnen kurz zuvor gegründete Produktionsfirma Cinema Artists zu verfilmen. An dem daraus entstandenen Film Manila war De Leon zudem als Kameramann beteiligt. 1976 wird Brocka mit Insiang, fertig gestellt nur ein Jahr nach dem Vorgängerfilm, das erste Mal zu den Filmfestspielen in Cannes eingeladen. Allerdings wirdInsiang, nachdem die Marcos-Diktatur die Aufführung in den Philippinen zu verhindern versucht hatte, schliesslich erst 1978 im Rahmen der Quinzaine des réalisateurs gezeigt. Der Film zeigt Insiang, die Protagonistin, und ihre Mutter, wie sie inmitten männlicher Übergriffigkeit versuchen, ihr Leben zu führen. Mehr noch als Manila zeugt Insiang von Brockas Bestreben, Lebensrealitäten im philippinischen Film sichtbar zu machen, die im Mainstreamkino bisher keinen Platz hatten.

In den Nischen des Mainstreams

Der Erfolg mit Insiang bestärkte Brocka in seinem Beharren, weiterhin Filme innerhalb der Mainstream-Filmindustrie seines Landes zu realisieren: Vor allem die Drama-Komödie My Father, My Mother über ein Kind, das zwischen zwei homosexuellen Männern und einer Sexarbeiterin steht, bringt homosexuelle Lebensentwürfe jenseits von Klischees auf die Leinwand. Der junge Dennis hat ein Kind mit einer Sexarbeiterin. Dennis vertraut das Kind Coring an, einem älteren schwulen Friseur, der in Dennis verliebt war/ist. Der Film schwelgt darin, wie das Kind die Leben der ihn umgebenden Erwachsenen durcheinanderwirbelt. Die um Realismus bemühte Darstellung des homosexuellen Vaters in einem populären Film ist bemerkenswert. Das Werk ist das erste in der Filmographie von Lino Brocka, der selbst offen schwul lebte, das schwule Protagonisten ins Zentrum stellt.

1986 wird Ferdinand Marcos, Vater des heutigen Präsidenten Bongbong Marcos, zur Abdankung gezwungen. In seinem Spätwerk Orapronobis (1989) greift Brocka auf, wie viele der Hoffnungen, die mit dem Ende der jahrzehntelangen Diktatur verbunden waren, im Übergang zur Präsidentschaft Corazon Aquinos zerschlagen wurden. Der Film zeigt, wie schnell die Repression Wege findet, fortzubestehen und wie wenig sich für die Opposition letztlich änderte. Ein Jahr zuvor hatte Brocka für das Mainstream-Studio Viva Films einen Film über einen jungen schwulen Mann vom Land gedreht, der als Sexarbeiter zu überleben versucht, nachdem sein US-Boyfriend ihn verlassen hat. Macho Dancer ist ein nüchterner Blick auf die Welt von Sexarbeit, Menschenhandel und die Porno-Industrie in den Philippinen. Der Film feierte dank einer ausser Landes geschmuggelten Kopie grosse Erfolge auf internationalen Filmfestivals, während er in den Philippinen selbst nur in einer von der Zensur verstümmelten Fassung laufen konnte und in den Kinos floppte.

In seinem Spätwerk Orapronobis (1989) zeigt Brocka, wie viele der Hoffnungen, die mit dem Ende der jahrzehntelangen Diktatur verbunden waren, im Übergang zur Präsidentschaft Corazon Aquinos zerschlagen wurden.

Posthume Internationalität

Am 22. Mai 1991 stirbt Lino Brocka bei einem Autounfall. Sein Begräbnis wird zu einer kollektiven Ehrerbietung. Seine Filme werden in den Jahren danach schnell zu einer festen Bezugsgrösse für unabhängige Filmemacher:innen. Parallel entwickeln sich seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zunehmend Versuche, die Überlieferung der philippinischen Filmgeschichte, darunter auch der unabhängigen Filmproduktion der Marcos-Ära, überhaupt zu sichern. Viele dieser Projekte finden in internationaler Zusammenarbeit statt. Auch Brockas Kino wird im Zuge dieser Initiativen ausserhalb der Philippinen zunehmend bekannter. 2008 greift Khavn De La Cruz Brockas Manila in the Claws of Light in seinem eigenen Film Manila in the Fangs of Darkness auf und lässt Bembol Roco, den Darsteller Julios, um dreissig Jahre gealtert erneut durch Manila streifen. Wieder sucht er Ligaya, findet aber erst einmal philippinische Filmgeschichte. Während er der Frau folgt, die Ligaya entführt hat, dringen Clips unter anderem aus Werken Brockas in den Film und füllen die Leinwand. 2009 unterhielten sich Lav Diaz, Khavn De La Cruz und Raya Martin, drei Protagonisten einer damals neuen Generation philippinischer Filmemacher und Kidlat Tahimik, Regie-Zeitgenosse von Brocka, im Auftrag der Viennale über Lino Brocka. Die Standpunkte reichen von Lav Diaz’ Verneigung bis zu einem anfänglichen Augenrollen Raya Martins. Doch an der (mindestens) filmhistorischen Bedeutung Lino Brockas für die philippinische und globale Filmgeschichte kommt in dem Gespräch kein Zweifel auf. Dass Lino Brocka trotzdem noch nicht so bekannt ist, wie er und sein Kino es verdienen, zeigt eine Anekdote, die Khavn De La Cruz erzählt: er habe auf einem Festival unter Cinephilen den Namen Brockas genannt und nur leere Blicke zurückbekommen. Möge diese Reihe dazu beitragen, das Kino Brockas wieder mit den offenen, kritischen, interessierten Augen zu sehen, die es verdient.
Fabian Tietke

Fabian Tietke ist Filmkritiker und Programmgestalter in Berlin.