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Alfred Hitchcock: Part I

Für Jean-Luc Godard gelang Alfred Hitchcock bekanntermassen etwas, «woran selbst Alexander, Julius Cäsar und Napoleon scheiterten: die Kontrolle über das Universum zu erlangen». Die Strahlkraft der Marke «Hitchcock» und von Filmen wie Rear Window, Vertigo und Psycho ist auch im Jahr 2026 ungebrochen, sodass andere Teile seines Werks Gefahr laufen, überschattet zu werden. In einer zweiteiligen Retrospektive tauchen wir in dieses Universum ein, das bis heute fasziniert, Entdeckungen offenbart und Künstler:innen weit über das Medium Film hinaus als Inspirationsquelle dient. Gerade seine britischen Filme, die den Ausgangspunkt dieses ersten Teils darstellen, strotzen nur so vor unbändiger Lust, sich auszuprobieren, und zeigen einen Filmemacher auf dem Weg zu seiner Meisterschaft. Neue Restaurierungen, rare Filmkopien und selten zu sehende Werke stehen im Zentrum dieses Programms, das die Jahre 1927 bis 1949 abdeckt. Der zweite Teil unserer Retrospektive folgt dann im Mai/Juni-Programm. Als Alfred Hitchcock am 6. März 1939 in New York ankam, war er nicht der begehrte Regisseur, den Hollywood unbedingt haben wollte. Tatsächlich hatte Hitchcock selbst die Flucht nach vorn gesucht, weil die englische Filmindustrie darniederlag und er dort keine wirtschaftliche Zukunft für sich sah. Deshalb hatte er sich 1938 bei mehreren Filmstudios beworben, allerdings ohne Erfolg. Einzig David O. Selznick war interessiert. Selznick hatte sich zwei Jahre davor als Produzent selbstständig gemacht und bereits ein paar beachtliche Erfolge eingefahren. Sein ganz grosser Wurf Gone With the Wind war gerade in Arbeit. Selznick bot Hitchcock einen Vertrag über vier Filme an, den der Regisseur am 14. Juli 1938 unterschrieb. Bei seiner Ankunft in den USA 1939 war Hitchcock 40 Jahre alt, ein versierter Regisseur von 23 Filmen, die er innerhalb von 12 Jahren gedreht hatte. Noch war er nicht auf Thriller festgelegt. In seinem Portfolio waren Melodramen, Komödien, Kostümfilme, sogar ein Musical – eines «ohne Musik», wie Hitchcock später spotten sollte. Trotz dieser Vielfalt hatte er jedoch bereits damals den Ruf, ein Meister der Spannung zu sein.

Anfänge eines Meisters

Als gerade mal zwanzigjähriger Kinofan hatte Hitchcock bei der englischen Niederlassung der amerikanischen Famous Players-Lasky eine Spontanbewerbung eingereicht. Nachdem ihm zu Ohren gekommen war, welcher der erste Film des Studios sein sollte, kaufte er sich die Buchvorlage und fertigte Zeichnungen für Zwischentitel an. Der Film wurde dann zwar nicht gedreht, aber Hitchcock erhielt die erhoffte Anstellung als Zeichner für Zwischentitel.

Das Medium Film steckte in seiner Pionierzeit, in der vieles noch nicht fest gefügt war, und so konnte sich Hitchcock in allen Bereichen der Produktion ausprobieren. Dabei begegnete er Alma Reville, die ihm einiges an Erfahrung voraushatte und als Editorin in der Studiohierarchie klar über ihm stand. Erst 1923, zwei Jahre nachdem er ihr erstmals begegnet war, getraute Hitchcock – inzwischen zum Koregisseur aufgestiegen – sich, Reville anzusprechen. Und sie wurde schliesslich nicht bloss seine Frau, sondern – für die Filmgeschichte viel bedeutsamer – zu seiner einflussreichsten Mitarbeiterin. Reville hatte auf all seine Entscheidungen als Regisseur wesentlichen Einfluss. Mit ihr diskutierte er sämtliche Drehbücher, Rollenbesetzungen, anstehenden Szenen bei Dreharbeiten und deren visuelle Auflösung. Und als Editorin war sie natürlich auch als Beraterin bei der Montage dabei.

Vom Produzenten Michael Balcon früh gefördert, konnte Hitchcock 1925 und 1926 bereits bei drei Filmen Regie führen: The Pleasure Garden, The Mountain Eagle und The Lodger. Bis Ende 1926 war allerdings keiner dieser Filme in den englischen Kinos zu sehen. Die Produktionsgesellschaft Gainsborough Pictures befand alle für zu wenig Erfolg versprechend. Als The Lodger 1927 dann aber doch Premiere feierte, wurde er zum ersten Triumph des Jungregisseurs – künstlerisch wie finanziell. Später bezeichnete Hitchcock The Lodger deshalb auch als seinen ersten richtigen Film. Und tatsächlich tauchen in dem Thriller, in dem ein geheimnisvoller junger Mann just in dem Moment bei einer Familie einzieht, als London von einer Serie grausamer Morde erschüttert wird, mehrere Motive auf, die sich durchs gesamte Werk ziehen. Beispielsweise das provokative Spiel mit Erwartungen und Kontrasten: Als der Mieter, gespielt von Ivor Novello, sich das Zimmer anschaut, wird er höchst verdächtig im schwarzen Umhang mit halb verdecktem Gesicht inszeniert. Aber dann, wenn ihn der Mob als vermeintlichen Täter identifiziert, ist er in strahlendes Weiss getaucht. Das Motiv des unschuldig Verfolgten, das hier erstmals auftaucht, wurde Hitchcock praktisch von aussen aufgezwungen. Es wäre undenkbar gewesen, den Superstar Ivor Novello als Mörder zu präsentieren. Und Hitchcock kam zu einem seiner Lieblingsmotive.

The Lodger zeigt eindrücklich, wie sehr Hitchcock von Beginn an die visuelle Auflösung der Story im Kopf hatte. Hitchcock wollte das Publikum vom Zuschauen zum Mitfühlen zwingen. Die Zweifel an der Integrität des Mieters sollten seine Zweifel werden. Die Furcht des gejagten Mieters sollte seine Furcht werden. Deshalb schauen wir nicht bloss zur Decke hoch, wenn der unheimliche Mieter in der Wohnung darüber ruhelos auf und ab geht. Wir blicken durch den Boden hindurch und sehen, was wir hören. Deshalb liess Hitchcock einen Glasboden einziehen.

Seine expressive Bildsprache und Experimentierfreude hatte Hitchcock während der Dreharbeiten zu The Pleasure Garden in Berlin entdeckt. In den UFA-Studios drehte Friedrich Wilhelm Murnau damals gerade Der letzte Mann. Und Hitchcock sog gierig alles auf, was er bei Murnau lernen konnte.

Blaupause für das kommende Werk

Als Hitchcock 1929 mit der Arbeit für Blackmail begann, wurde vom Studio zwar ein Stummfilm erwartet, Hitchcock antizipierte jedoch bereits beim Dreh den Tonfilm, und das so genial, dass er schliesslich die Erlaubnis erhielt, einige Szenen mit Ton nachzudrehen. Dank einer Schlüsselszene, die sowohl in der stummen Fassung wie in der Tonversion erhalten ist, lässt sich genau verfolgen, wie meisterhaft Hitchcock das visuelle Erzählen beherrscht und wie «frühreif» er den Ton einsetzt. Die Triggerwirkung eines Brotmessers wird in der einen Version unmittelbar sicht- und in der anderen ebenso eindrücklich hörbar. Überhaupt spielt der Ton bei Hitchcock stets eine zentrale Rolle: 1930, der Tonfilm steckte immer noch in seiner Frühphase, inszenierte Hitchcock in Murder! wahrscheinlich als erster Regisseur überhaupt einen inneren Monolog.

Noch immer war er jedoch weit entfernt davon, seine Stoffe selbst auswählen zu können. Er war ein Auftragsregisseur, dessen nächste vier Filme weder künstlerisch noch finanziell erfolgreich waren. Dann allerdings gelang ihm 1934 mit The Man Who Knew Too Much eine Art Blaupause für einen Grossteil seiner späteren Filme. Nicht zufällig ist genau dieser Film das einzige seiner Werke, von denen er später –1956 mit James Stewart und Doris Day in den Hauptrollen – ein Remake drehte.

1935 wird The 39 Steps zum Höhepunkt seiner englischen Periode. Ein Mann wird des Mordes verdächtigt. Die Polizei jagt ihn, und er versucht gleichzeitig, dem wahren Täter auf die Spur zu kommen. Eine wilde Hatz, die ihn von London bis nach Schottland führt. Eine weitere Blaupause, die er am spektakulärsten 1959 für North by Northwest verwendete.

Bis zur Unterzeichnung des Vertrags mit David O. Selznick entstehen vier weitere Thriller. Alfred Hitchcock ist endgültig zum Spezialist für Thriller geworden. Im Vergleich zur amerikanischen Periode fällt jedoch auf, dass seine britischen Thriller verspielter und skizzenhafter daherkommen als die amerikanischen … und auch etwas unschuldiger. Wir schauen einem Filmgenie beim Lernen zu. Und immer wieder zeigt uns Hitchcock mit begeistertem Stolz seine neuen Tricks.

«Master of Suspense»

Und dann also gehts nach Amerika zu David O. Selznick. Der britische Regiestar steht vor einem Neuanfang und wird von Selznick teilweise wie ein Lehrling behandelt. Als Produzent nimmt Selznick direkten Einfluss auf die gesamte Produktion. Seine zahlreichen und ellenlangen Memos sind so legendär wie berüchtigt. Hitchcock war ein selbstbewusster Regisseur, und spätestens beim Dreh bestimmte er jede Kameraeinstellung. Damit zwang er die Produzenten, seinem visuellen Konzept zu folgen, denn das von ihm gedrehte Material erlaubte praktisch keine alternativen Montagen. Selznick dagegen wollte, wie in Hollywood allgemein üblich, dass jede Szene mit verschiedenen Kameraeinstellungen gedreht wurde, sodass man danach beim Schnitt verschiedene visuelle Auflösungen durchspielen konnte. So sehr sich Hitchcock gegen Selznicks Einfluss auflehnte, so sehr wurde für ihn die Zusammenarbeit zu einem weiteren Lernfeld. Vor allem aber wurde ihm bewusst, dass er nur als Produzent seine Autonomie als Regisseur garantieren konnte. Deshalb gründete er 1948 mit seinem Freund Sidney Bernstein die Produktionsfirma Transatlantic Pictures. Nach den beiden Misserfolgen Rope und Under Capricorn ging die Firma zwar pleite und wurde aufgelöst. Aber Alfred Hitchcock blieb unbeirrt und gründete ein weiteres Mal seine eigene Produktionsfirma. Ab 1950 und bis zu seinem letzten Film Family Plot (1976) produzierte er all seine Filme selbst. Nun endlich war er der «Master of Suspense».
Thomas Binotto

Thomas Binotto schreibt seit 30 Jahren über Film, unter anderem zusammen mit Tom Tykwer und Michael Ballhaus im Buch «Das fliegende Auge». Als passionierter Filmleser – auch im beliebten Sonderformat des Filmpodiums RE:VISION – lädt er Menschen jeden Alters zur Filmanalyse ein, denn wer Filme liest, in und zwischen den Zeilen, hat mehr vom Sehen.