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JLG 90 neuf zéro

Filmkritiker, Filmemacher und Filmforscher; Bild-, Wort- und Multimediakünstler; Monteur, Tüftler und Handwerker; Stratege, Manipulator und Trickster: Jean-Luc Godard, das neugierige, nimmermüde, unberechenbare Enfant terrible des Kinos feiert am 3. Dezember seinen 90. Geburtstag. Mit seiner bürgerlichen Familie hat der im Schweizer Städtchen Nyon aufgewachsene Jean-Luc Godard einst gebrochen. Im Kino hat er sie wiedergefunden. Für die einen ist er mit seinen (heraus)fordernden Werken der Übervater des Kinos, für die anderen dessen störrisches schwarzes Schaf. Der runde Geburtstag ist guter Grund, sein rund 70 Jahre umfassendes Filmschaffen mit frischem Blick zu würdigen. Dazu gehören selbstverständlich seine schnell produzierten Nouvelle-Vague-Klassiker der 60er, die die Liebe zum Kino und zur Stadt Paris feierten, mit etablierten Kinokonventionen brachen, von jugendlichem Mut und Übermut nur so strotzten und sofort Kultstatus erreichten. À bout de souffle (1959) – so der berühmte Titel des ersten Hits. Ausser Atem? Das Gegenteil sollte Programm werden. Denn bis heute erforscht Godard das Kino, seine Möglichkeiten, ja seine Aufgaben und findet dabei immer wieder neue Formen, Kompositionen und Spielarten. Inzwischen (de-)montiert er Filme zurückgezogen am Genfersee und mit der Unterstützung seiner Partnerin Anne-Marie Miéville. Der gemeinsame Hund Roxy hat übrigens – wie sein Herrchen selbst mehrmals – auch schon eine Hauptrolle in einem Godard-Film gespielt.

2 ou 3 choses
Er sei frech wie kein anderer und könne es mit allen Regiegrössen aufnehmen, rühmte Truffaut seinen Freund Godard bei der Begründung, weshalb er dessen 2 ou 3 choses que je sais d’elle (1967) koproduziere. Seine kinoethische Verantwortung formulierte der französisch-schweizerische Cineast im Vorfeld dieses 13. Spielfilms, in dem er erstmals explizit Kritik an der gaullistischen Regierung übte. Das Off-Geflüster Godards lässt uns scheinbar gleichzeitig dem Making-of dieses filmischen Forschungsprojekts beiwohnen. Es stellt den Versuch dar, anhand der Situierung der Recherche in einem «grand ensemble» (Grosswohnsiedlung) die «grossen Zusammenhänge» zu erfassen, die die damalige französische Gesellschaft prägten. Der Film bildet ein Scharnier von Godards sogenannter ersten zur politischen Phase. Im Mai 68 demonstrierte er mit seinen Kollegen auf den Pariser Strassen, sorgte für den Abbruch des Festivals von Cannes, übte mit stummen 16-mm-Kurzfilmen, den Cinétracts, politischen Widerstand und zog sich von der Kinoindustrie und als Autor vorerst zurück, um im Kollektiv «Groupe Dziga Vertov» militante Filme zu produzieren.
Der Abschied von Paris nach Grenoble 1973 war sein «fin de 68». Wichtiger Grund für diesen Um- und Rückzug war der Erfinder Jean-Pierre Beauviala. Dessen Videokameras und Apparaturen dienten Godard und Miéville beim Aufbau ihres autonomen Filmstudios samt Produktionsfirma dazu, alle Varianten der Videotechnik zu erkunden. Ici et ailleurs (1976) ist mit seinen «rapprochements» (Annäherungen) von Bildern, Schriften und Tonspuren bis heute wesentliche Grundlage für die kritische und anspruchsvolle, vielschichtige und assoziative, ja exzessive und immerzu lustvolle Kinoarbeit, der Godard seit 1977 im waadtländischen Rolle nachgeht.
Die Rückkehr in die alte Heimat brachte mit Sauve qui peut (la vie) (1979) auch die Rückkehr zum Kino und eine verstärkte Auseinandersetzung mit der eigenen wie der grossen Geschichte. Das achtteilige Opus magnum Histoire(s) du cinéma (1988–98) aus etwa 700 Filmen und Tausenden von Zitaten aus Literatur, Kunst, Philosophie und Musik handelt von der und den Geschichte(n) des Kinos, des Fernsehens und des 20. Jahrhunderts genauso wie von der Bedeutung historischer Filme als Dokumente und von den Möglichkeiten audiovisueller Historiografie. Parallel dazu erschuf Godard Werke, die biblische, mythologische oder literarische Figuren und Stoffe in die ihn umgebende Landschaft und ins Heute holten. Die Geschichte, das Gedächtnis und der aktuelle Zustand Europas und der arabischen Welt und damit Kriege und Gewaltdarstellungen ziehen sich seit 20 Jahren als roter Faden durch sein Schaffen.

que je sais
Godards vielschichtiges Schaffen zeichnet sich durch eine enorme, von grosser Hartnäckigkeit getragene Kontinuität aus. Ob er das Kino immer wieder neu erfunden habe? Nein. Er habe bloss gezeigt, was möglich sei. Auch im hohen Alter erkundet er neue Aufnahme- und Montagetechniken von Digital- bis Handykameras, 3D inklusive. Doch Godard wäre nicht Godard, würde er mit Adieu au langage (2014) nicht die Möglichkeiten jenseits einer effektvollen Verräumlichung des Bildes zeigen, indem seine manipulierte 3D-Technik die Zuschauerinnen und Zuschauer den Film durch ihr Augenzwinkern buchstäblich montieren lässt. All die entlarvenden Impulse rütteln nicht nur nachhaltig an den Regeln und Massgaben des Erzählkinos, sondern an den Grundfesten der Institution Kino, von der Produktion über die Distribution bis zur Rezeption. Davon zeugt aktuell Le livre d’image (2018), dem die Kinoinfrastruktur nicht mehr gewachsen ist. Stattdessen entfaltet sich das Werk als Rauminstallation und geht auf Tour.
Der weiterhin aktive Multimediakünstler hat bis dato fast 200 Filme geschaffen; die nicht realisierten nicht eingerechnet. Es sind Werke, die verschiedenste Formate erproben, Kunstgattungen und Zitate spielerisch und collageartig einander annähern. Es sind Kürzest-, Mittel- bis Ultralangfilme, die die Unterschiede zwischen Dokumentation und Fiktion aufheben und ein Drehbuch oder ein Selbstporträt durchaus filmisch vermitteln können. Zu Godards Arbeiten zählen zudem diverse Auftragswerke für Kino, Fernsehen, Werbung, Museen und Ausstellungen. Er hielt Vortragsreihen, gestaltete Bücher und die Cahiers-du-cinéma-Ausgabe 300 (1979), die seine Szenarios als Collagen präsentiert, gab VHS-Kassetten und CDs heraus, kreierte Ausstellungen im Centre Pompidou (2006) und jüngst im Château de Nyon. Sein kurzer Erstling Opération «Béton» (1954) – über die Betonarbeiten für den Grande-Dixence-Bau – und dessen weitere Karriere als historischer und rezyklierter Imagefilm in der Staumauer zeugen retrospektiv vom Unternehmen und der Infrastruktur, die sich Godard aufgebaut hat, um seine Kinoarbeit zu starten und weiterzuführen.

de lui
Auf die gängige Kritik, man verstehe seine Filme nicht, erwidert er gewitzt, dass man diese immer dreimal sehen müsse: einmal nur das Bild, einmal nur den Ton und einmal Bild und Ton zusammen. Oder anders gesagt: Er ermöglicht uns, ein Werk immer wieder anders und neu zu sehen. Und ja, wir dürfen uns seinen Filmen auch einfach hingeben, die Bilder, Farben, Klänge, Dialoge, Rhythmen, Überraschungen auf uns wirken lassen und geniessen.
Wenn in 2 ou 3 choses que je sais d’elle, das «elle» gleichzeitig für die Protagonistin, die Schauspielerin und «la Région Parisienne» steht, deren gewaltige städtebauliche Mutation Godard mit jener der Gesellschaft gleichsetzt, so kann unser «lui» für ihn und «le cinéma», stehen, das er seit je beharrlich seziert und neu montiert.
Godard ist in seinem Schaffen unersättlich. Genauso macht sein Kino nicht satt. Im Gegenteil: Umso genussvoller wird es, je mehr wir davon zu sehen bekommen. Es ist jedes Mal ein Fest, das wir ja nicht verpassen sollten!
Jacqueline Maurer

Jacqueline Maurer ist Kunst- und Filmwissenschaftlerin sowie -vermittlerin. Sie promoviert am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich zu Jean-Luc Godard und Verschränkungen zwischen Film-, Architektur- und Städtebauforschung.