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Robert Redford

Die Kritik hatte oft Mühe, Robert Redford ernst zu nehmen: Wer so gut aussah, war zum Hollywoodstar bestimmt und musste deswegen nichts können. Bei genauerem Hinsehen allerdings hat es sich Redford bei der Rollenwahl keineswegs immer einfach gemacht und oft schillernde, nicht nur heldenhafte Figuren verkörpert. Früh wurde auch sein politisches Engagement spürbar, erst recht, als er hinter die Kamera trat. Unsere Retrospektive konzentriert sich auf die ersten vier Jahrzehnte seiner Karriere. «Er war wie das Land, in dem er lebte. Alles fiel ihm zu leicht.» So wie seine Filmfigur des gut aussehenden Collegestudenten im Film The Way We Were (1973) charakterisiert wird, erscheint Robert Redford seinen Fans bis heute. Damals war er der weltweit beliebteste Hollywoodstar. Mehr als jeder andere amerikanische Schauspieler seiner Zeit verkörperte er jene Mischung aus Leichtigkeit, Unbeirrbarkeit und Natürlichkeit, auf die man im Heimatland des Individualismus besonders stolz ist. Doch Redford trug schwer am Geschenk dieser besonderen Ausstrahlung, die fast alle seiner Hauptrollen prägen sollte. Seinem Wunsch, einmal einen Schurken zu spielen, wurde kaum je entsprochen – auch wenn eine der Entdeckungen dieser Retrospektive, seine Rolle als undurchsichtiger Fremder in This Property Is Condemned (1966), sein Talent dafür bezeugt.
Umso mehr fühlte er sich gefangen in seinem Star-Image: 1974 klagte er in einem Interview über eine Passantin, die ihn auf New Yorks 5th Avenue ehrfürchtig gefragt habe: «Sind Sie wirklich Robert Redford?» Er habe geantwortet: «Nur wenn ich allein bin.» Selten suchte Redford den öffentlichen Auftritt, es sei denn, es ging um politische Belange als Verfechter ökologischer und humanitärer Anliegen oder als Hüter der unabhängigen Filmkultur mit seinem Sundance Film Festival.

Widerwilliger Star, engagierter Filmemacher
Der amerikanische Traum, als dessen archetypischer Repräsentant er in vielen seiner Filme erscheint, war spätestens seit dem Vietnamkrieg in die Kritik geraten. Für die politisierte Jugend hatten die USA ihre Vorbildrolle verloren. Für den vielleicht amerikanischsten aller Hollywoodstars ist das zwiespältige Verhältnis zum eigenen Land prägend. Eine Werkschau, die 23 Filme umfasst, erlaubt ein faszinierendes doppelgesichtiges Porträt: Als Star verkörpert er Heldenfiguren, mit denen er sich als Mensch immer weniger identifizieren kann. Als Filmemacher untersucht er mit imponierender Konsequenz den Unschuldsverlust dieser amerikanischen Werte. Die Wahlkampfsatire The Candidate (1972) und das Politdrama All the President’s Men (1976), die er beide mit seiner Produktionsfirma Wildwood Enterprises auf den Weg bringt, bezeugen sein kritisches Interesse am Politikbetrieb. Anlässlich der anstehenden Präsidentschaftswahl 2020 warnte er unlängst im US-Sender NBC: «Wir sehen einer Krise entgegen, die ich zu meinen Lebzeiten nie vorhergesehen hätte: einem diktatorartigen Angriff durch Präsident Trump auf alles, wofür dieses Land steht.»
Wofür Amerika steht: Das ist auch das Thema von Redfords Regiearbeiten, die seit 1980 entstehen. Sie unterziehen die amerikanische Alltagsfolklore einer Neubetrachtung und stellen damit auch die Ideale des alten Hollywood auf den Prüfstand. Das Drama Ordinary People, das ihm 1980 Oscars für die beste Regie und den besten Film einbringt, blickt schonungslos hinter die Fassade einer scheinbar makellosen Familie. In The Milagro Beanfield War (1988) geht es um die Verteidigung des Erbes eines von indianischer Mythologie geprägten Landstrichs. In A River Runs Through It (1992) hinterfragt er in fast autobiografischer Weise die Überlebensfähigkeit eines naturverbundenen, konsumkritischen Lebensideals. Quiz Show (1994) rekonstruiert den Augenblick eines Sündenfalls im amerikanischen Fernsehen. The Horse Whisperer (1998) warnt vor der Entfremdung des modernen Lebens und sieht eine Chance zur Heilung in der Rückbesinnung auf die Natur.
«Unschuld» ist der zentrale Begriff in diesen Filmen. Ihn ernsthaft und ohne jede ironische Brechung vorzubringen, mag naiv erscheinen, in jedem Fall aber ist es mutig. Der gelernte Kunstmaler Redford findet dabei mitunter zu hochromantischen Bildkompositionen; grosse Bildgestalter wie Michael Ballhaus bei The Horse Whisperer stehen ihm zur Seite.
Redfords spätere Regiearbeiten wirken ästhetisch weniger schwelgerisch, aber ebenso kompromisslos im Eintreten für die Verfassungswerte. Zu entdecken ist das in der Schweiz bislang nicht gezeigte Politdrama The Conspirator (2010) über einen historischen Unschuldsverlust in der amerikanischen Geschichte: die Ermordung Abraham Lincolns.
Die Leidenschaft, mit der Redford in seiner Regiearbeit The Company You Keep (2015) einen politischen Aktivisten gegen den Terrorismusvorwurf verteidigen sollte, deutet sich bereits 1975 an, als er die Hauptrolle in Sydney Pollacks Three Days of the Condor spielt: Als Whistleblower wird er darin zum Staatsfeind im eigenen Land.
Zu einer Zeit, als einige der 68er-Ideale Teil des politischen Mainstreams wurden, war Redford der «poster boy» eines «besseren», linksliberalen Amerika – auch wenn er seine Haare lediglich in seiner Westernrolle in Jeremiah Johnson bis zu den Schultern wachsen liess.

Von echten und falschen Wahrheiten
Wer bereits als «all-American boy» auf die Welt gekommen ist – 1936 im kalifornischen Santa Monica –, befindet sich vielleicht in der besten Position, den amerikanischen Traum auf den Prüfstand zu stellen. Die meisten Figuren, die Redford als Star verkörperte, waren Helden auf der Flucht vor einem Ideal, das sie selbst repräsentierten; Charaktere, für die die einfachste aller Lösungen nicht die erstrebenswerte sein konnte. Die Geradlinigkeit und Unschuld der eigenen Ausstrahlung gewährten Redford scheinbar unbeschränkten Kredit. Die Konsequenz, die er daraus zog, war zwiespältig: Den hohen Sympathiewert konnte der Umweltaktivist für seine Ziele nicht ungenutzt lassen, politische Ämter hingegen wollte er nicht bekleiden.
Noch seine beste Darstellerrolle der letzten Jahre, der einsame Segler in All Is Lost (2013), zeigte seine Filmfigur im Dialog mit den Naturgewalten. Tatsächlich ist er längst selbst eine Naturgewalt: Kaum ein Schauspieler hat seine Prominenz in ähnlicher Weise eingesetzt, um humanitäre und kulturelle Ziele zu verwirklichen – von der Rettung gewaltiger Naturgebiete im Bundesstaat Utah (die er – welch Ironie des Kapitalismus – dazu mit eigenen Mitteln kaufen musste) bis zur Förderung des anspruchsvollen und unabhängigen Films am Sundance Institute. Sosehr er den Mythos vom amerikanischen Traum bekämpfte und seine falschen Versprechungen entlarvte, so sehr verkörpert er den Traum eines besseren Amerika. Und nie konnte man ihn besser gebrauchen. In einem persönlichen Gespräch fasste Redford die Themen seines Werks einmal so zusammen: «Viele meiner Arbeiten handeln von der echten Wahrheit hinter der falschen Wahrheit. Als ich geboren wurde, während der Depression in Amerika, gab man uns eine Menge Slogans. Regeln, wie man sein Leben führen sollte. Wie die Pfadfinder. Aber ich fand heraus, dass das meistens Lügen waren. Ernüchterung war die Folge, ein stiller Aufruhr gegenüber diesen falschen Wahrheiten.»
Daniel Kothenschulte

Daniel Kothenschulte ist Filmkritiker und Buchautor und verantwortet den Filmteil der «Frankfurter Rundschau». Sein Buch «Nachbesserungen am amerikanischen Traum - der Regisseur Robert Redford und seine Filme» erschien erstmals 1999 im Schüren Verlag, Marburg.

Zusatzinformationen: Einige wichtige Frühwerke mit Robert Redford wie Robert Mulligans Hollywood-Satire Inside Daisy Clover (1965) und Michael Ritchies hochaktuelle Polit-Posse The Candidate (1972) konnten mangels Vorführmaterial nicht ins Programm aufgenommen werden.