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Albanien im Film

Politisch jahrzehntelang von Westeuropa abgeschottet, entwickelte Albanien unter Enver Hoxha ein Filmschaffen nach dem Vorbild des propagandistischen Sowjetkinos. Trotzdem hinterliessen auch westliche Einflüsse ihre Spuren. Seit dem Sturz des kommunistischen Regimes 1990 wirft eine neue Generation von albanischen Filmschaffenden einen kritischen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ihrer Heimat, auch im Kosovo. Parallel dazu entstanden unter Mitwirkung von Angehörigen der Diaspora auch Aussensichten auf Albanien. Albanien ist bis heute ein relativ unbekanntes Land. Südlich von Montenegro und nördlich von Griechenland gelegen, musste das «Land der Adler» seit der Zerstörung des Osmanischen Reiches 1912 ständig gegen neue Invasoren kämpfen. Als Spielball kriegsführender Mächte wechselte es von einer Besatzung zur nächsten. Erst 1944 wurde Albanien von der faschistischen Fremdherrschaft Italiens und Deutschlands befreit. In der Folge errichtete Enver Hoxha, der Chef der kommunistischen Partei, eine stalinistische Diktatur, die fast ein halbes Jahrhundert andauerte.

Sozialistischer Realismus vs. westliche Einflüsse
Schon früh erwacht Albaniens Leidenschaft für den Film. Albanische Fotografen wie die Brüder Janaki und Milton Manaki treten in die Fussstapfen von Auguste und Louis Lumière; die albanischen Schauspieler Aleksandër Moisiu und Kristaq Antoniu und die Schauspielerin Elena Qirici machen im Ausland Karriere und werden in ihrer Heimat verehrt. Die Anzahl der Kinosäle in Albanien nimmt zu, und das Publikum entdeckt die Meisterwerke der ausländischen Filmkunst. Doch während sich Albanien nach einer Zugehörigkeit zur Zivilisation des 20. Jahrhunderts sehnt, suchen europäische Mächte, die nach orientalischen Bildern hungern, in diesem Land nur nach solchen Stereotypen. Entsprechende Aufnahmen ausländischer Filmschaffender sind in vielen Archiven zugänglich, doch alles, was damals von Einheimischen gedreht wurde, bleibt verschollen, auch die Dokumentarfilme, die Mihallaq Mone pionierhaft während der italienischen Besatzung in den 1940er-Jahren schuf.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich das Land zunehmend abschottet, entstehen ab 1947 mithilfe der UdSSR erste Filmproduktionen in Form von Dokumentationen und Wochenschauen. 1952 wird das von den Sowjets gebaute Kinostudio Shqipëria e Re (Neues Albanien) eröffnet, und das Film-land Albanien erwacht erneut. 1953 entsteht als Koproduktion mit Mosfilm unter der Regie von Sergej Jutkewitsch Skanderbeg, ein Epos über den gleichnamigen albanischen Nationalhelden. Der erste Kurzfilm Fëmijët e saj (Ihre Kinder) von Regisseur Hysen Hakani kommt 1957 ins Kino. Zahlreiche Filmschaffende werden auf osteuropäische Universitäten geschickt, wo sie insbesondere technische Fertigkeiten wie Kamera und Schnitt erlernen. In ihre Heimat zurückgekehrt, führen sie Regie, so auch Kristaq Dhamo, der nach Studien in Budapest 1958 den ersten albanischen Spielfilm Tana dreht.
In den folgenden Jahrzehnten wächst die Anzahl der Produktionen bis zu einem Höhepunkt kurz vor der Wende. Die staatliche Zensur überprüft und kontrolliert die Filme mit Argusaugen. Der Cineast Viktor Gjika, der seit 1961 beim Kinostudio arbeitet, prägt die Werke der anderen Regisseure und drängt sie in die gewünschte propagandistische Richtung. Toka jonë (Unser Land, 1967>) von Hysen Hakani ist der erste Spielfilm, der nach mehr als zwei Jahren ohne Hilfe aus der Sowjetunion in Albanien produziert wird. Fortan herrscht ein Kampf zwischen Form und Inhalt, zwischen der künstlerischen Sprache der Filmschaffenden und der propagandistischen Geschichtsschreibung. Das italienische Fernsehen, das regelmässig zeitgenössische Filme ausstrahlt, bietet ein – verbotenes – Fenster zur Aussenwelt. Obwohl das Regime solche Einflüsse unverzüglich unterdrückt, sind sie doch in einzelnen Filmen erkennbar. Nusja dhe shtetrrethimi (The Bride and the Curfew), dessen neorealistische Anmutung nicht zu übersehen ist, schafft es in die Kinosäle, doch die Zensur reagiert sofort und verbietet jegliche Produktionen ähnlicher Machart. Die Impulse aus dem westlichen Kulturraum sind aber nicht zu stoppen: Jüngere Menschen hören sich zu Hause die Beatles an, und die Künste werden immer freier – bis Enver Hoxha 1973 in einem furchtbaren Akt der Gewalt und Unterdrückung durchgreift und Kulturschaffende einsperrt und hinrichten lässt. Die Satire Kapedani (The Captain, 1972) von Muharrem Fejzo und Fehmi Hoshafi zeugt noch von jener allzu kurzen Freiheitswelle.
Eine weitere erfreuliche Ausnahme in der Filmwelt des sozialistischen Realismus ist Xhanfise Keko. Als ausgebildete Cutterin und Ehefrau des regierungsnahen Regisseurs Endri Keko dreht sie auf dessen Anraten nie Filme für Erwachsene, dafür verdankt ihr Albanien äusserst einfühlsame Kinderfilme. Deren nuanciert gezeichnete junge Protagonisten stehen oft auch allegorisch für Topoi wie Verrat oder Einsamkeit.
Mit zunehmender Isolation seines Landes nach der Aufkündigung der Bündnisse mit der UdSSR und China wird Enver Hoxha Ende der 1970er-Jahre immer paranoider und befiehlt die «Verbunkerung» des Landes (dramatisiert in Kustim Çashkus Kolonel Bunker, 1996). Gleichzeitig entfernt sich die Filmproduktion von den immer gleichen Geschichten über die Bekämpfung des Faschismus, um vermehrt soziale Aspekte und Probleme aufzugreifen. Das Ideal des sozialistischen neuen Menschen wird nach und nach aufgegeben, um realistische und durchaus auch negative Figuren auf die Leinwand zu bringen.

Nach der Wende
Solche Geschichten und Darstellungen von «Verlierergestalten» werden zur Norm, als sich 1991 Albaniens Grenzen öffnen und westliche Kultur und Wirtschaft schlagartig Einzug halten. Die Filme reflektieren nun die jüngste Vergangenheit, erste Koproduktionen entstehen, und eine neue Generation kämpft um ihre Sichtbarkeit, doch die Anzahl der entstehenden Werke sinkt erheblich. Die Grenzöffnung markiert auch den Anfang eines massiven Exodus in die benachbarten Länder. Albanien leert sich und die Auswanderung hinterlässt ein Land, das bis heute um den Wiederaufbau ringt. Mehrere ausländische Filmschaffende wie Gianni Amelio oder die Dardenne-Brüder porträtieren den Kampf der albanischen Diaspora auf der Suche nach ihrer Identität.
Im kosovarischen Kino nehmen albanische Figuren als Exponenten der ethnischen Mehrheit einen wichtigen Platz ein. Doch die Filme berichten weiterhin von den unzähligen Konflikten, Verschiebungen und Übergriffen, sei es vor oder während dem Kosovo-Krieg. Das schwierige und teilweise traumatische Zusammenleben der serbischen und albanischen Bevölkerung spiegelt sich in zahlreichen Filmen, die von berührenden Einzelschicksalen erzählen. Nachdem heute in Albanien und Kosovo die Grundbedürfnisse weitgehend gedeckt sind, rücken andere soziale Themen in den Fokus, seien es veraltete Sitten, die überwunden werden müssen, oder noch wenig sichtbare Minoritäten, deren Kampf um Anerkennung erst beginnt.
Internationale Filmfestivals bieten dem neueren Filmschaffen dieses Kulturraums inzwischen vermehrt eine Plattform, aber das Filmerbe Albaniens wird erst nach und nach ausgegraben und restauriert. Die vorliegende Auswahl an Klassikern zeigt, dass es einiges zu entdecken gibt.
Louise Burkart

Louise Burkart, studierte Theater- und Filmwissenschaftlerin, erstellt seit mehreren Jahren Reihen zu marginalem Kino. Zurzeit arbeitet sie als Restauratorin für das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum e.V. Frankfurt.

Das Filmpodium dankt der Gesellschaft Schweiz-Albanien und Albana Rexhepaj sowie dem Förderverein Lumière für die wertvolle Unterstützung.