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Lettisches Filmwochenende

Anlässlich der baltischen Kulturtage «Terra Baltica» greift das Filmpodium eines der drei Länder heraus und präsentiert mit 24 Filmen das bis jetzt umfangreichste lettische Filmprogramm in Zürich. Das Angebot umfasst Perlen aus der Zeit zwischen 1966 und 2019 und präsentiert neben Spiel- und Dokumentarfilmen auch Animationsfilme für Kinder und Erwachsene. Wie viele Völker Europas lebten die Letten und Lettinnen vor sehr langer Zeit hauptsächlich von der Jagd und der Fischerei. Aber sie jagen noch heute. Die Filmschaffenden Lettlands «jagen» nach Antworten auf die grossen Fragen des Lebens, und zwar mit dem Medium Film. Und das macht das Filmschaffen aus dem nordischen Land so spannend und universell. Das lettische Kino ist nicht nur schwermütig und ernst – es gibt daneben auch Spiel, Spass und grotesken Humor. Die Balten sind durch die Klimabedingungen nicht nur «zwangsläufig» Melancholiker. Ihre Emotionen können auch kochen, bis es nicht mehr weitergeht, wie in Jānis Nords' Schaum vor dem Mund.

Aktuelle Tendenzen im Spielfilm seit den 1960er-Jahren
Der Regisseur Rolands Kalniņš (*1922) vertrat im Film der 1960er-Jahre die Tendenz, möglichst direkt und persönlich über den Einfluss der politischen Spannungsfelder auf das Schicksal der Menschen zu reden. Er reagierte damit auf den durch Stalins Regime geforderten klischeehaften Stil und dessen Auslegung der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Film Vier weisse Hemden (1967) ist ein schlagendes Beispiel für den Modernismus in Lettland. Der dem sozialistischen Kanon nicht entsprechende Stil und die Blossstellung der damaligen Zensur wurden dem Film zum Verhängnis. Er wurde verboten und erlebte die Premiere erst 1986.
Die aktuellen Handschriften im heutigen lettischen Filmschaffen werden durch drei Spielfilme von Laila Pakalniņa (*1962), Jānis Nords (*1983) und Viesturs Kairišs (*1971) repräsentiert. Wie andere ihrer Generation konnten Kairišs und Nords ihre Ausbildung ausserhalb Lettlands machen. Im Gegensatz dazu steht die Generation von Pakalniņa, die nur in Moskau oder Leningrad Film studieren konnte, da Lettland bis 1991 keine Filmhochschule haben durfte. Laila Pakalniņa, die auch eine grosse Meisterin des Dokumentarfilms ist, erweckt in Dawn/Ausma mit einem traurig-grotesken und humorvollen Erzählstil den verbotenen und weitgehend vernichteten Film Die Beshin-Wiese von Sergej Eisenstein zum Leben, unterstützt durch die starke Arbeit des mehrfach ausgezeichneten polnischen Kameramanns Wojciech Staron. Melanies Chronik ist ein filmisches Epos über das Schicksal Tausender Menschen, die von den Sowjets in den 1940er-Jahren aus Lettland nach Sibirien deportiert und umgebracht wurden. Der Film verbindet Lettland und die Schweiz auf besondere Weise, da die Schweizerin Sabine Timoteo die Hauptfigur meisterhaft verkörpert und dafür 2017 mit dem lettischen Filmpreis «Lielais Kristaps» als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Jānis Nords beschäftigt sich mit den Herausforderungen seiner Zeitgenossen. 2017 seziert er im Beziehungstriller Schaum vor dem Mund eine Dreiecksbeziehung, wie sie in Lettland oder sonst wo möglich ist.

Kraftvolles Dokumentarfilmschaffen
Das lettische Dokumentarkino ist ebenfalls mit historischen und aktuellen Arbeiten vertreten.
In den 1960er-Jahren wurden im damals staatlichen Kinostudio Riga verschiedene Versuche unternommen, die Sprache des Dokumentarfilms neu zu definieren. So entstand der sogenannte poetische Dokumentarfilm oder Rigaer Stil, der sich in die modernistischen Strömungen der damaligen Zeit einfügte. Mit Hercs Franks’ 10 Minutes Older (1978) und Ist es leicht, jung zu sein? von Juris Podnieks (1986) stehen zwei bahnbrechende lettische Dokumentarfilme auf dem Programm. Das aktuelle Dokumentarfilmschaffen ist durch Filme von Laila Pakalniņa, Andrejs Verhoustinskis und Kristīne Briede vertreten.

Vielfältiges Spektrum des Animationsfilms
Die lettischen Animationsfilme zeichnen sich durch Farben- und Gestaltungsreichtum und sehr unterschiedliche Techniken aus, denn die Filmemacherinnen und Filmemacher kennen keine formalen Grenzen: Sie suchen die Gegensätze, bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Zwei- und Einsamkeit, Weiblichkeit und Männlichkeit, zwischen hoher Gesinnung und dumpfem Alltag. Die Sprache und die Figuren der lettischen Animationsfilme sind melancholisch und mutig, ironisch und mystisch, leidenschaftlich und unsicher. Wie eben Menschen so sind!
Wir laden Sie ein zur Entdeckungsreise in die Filmwelt Lettlands. Lettland ist keine Terra incognita, kein «weisser Fleck» in der Kinolandschaft Europas. Das Kino aus Lettland ist alles andere als blass. Laipni lūgti – herzlich willkommen!
Uldis Mākulis

Uldis Mākulis ist Kulturveranstalter in Zürich. Er hat das Programm mit dem Filmpodium-Team zusammengestellt und ist die treibende Kraft hinter dem Kulturverein Hydrargyrum, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Kulturaustausch zwischen der Schweiz und dem Baltikum zu fördern. Er veranstaltet unter anderem die baltischen Kulturtage «Terra Baltica», die vom 12. Oktober bis Ende Dezember 2019 mit zahlreichen Veranstaltungen in Zürich stattfinden; mehr unter www.terrabaltica.ch.