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Stummfilmfestival 2019

Willkommen beim 16. Zürcher Stummfilmfestival mit neuen Restaurierungen der Filmarchive und Wiederentdeckungen von internationalen Festivals. Einen Schwerpunkt bilden Filme aus den Jahren 1919 und 1929 als Jahresauftakt zur Reihe «Das erste Jahrhundert des Films». Alles bereichert mit Livemusik von herausragenden Spezialisten der Stummfilmbegleitung. «Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung und Geringschätzung beginnen heutige Filmschaffende, Kritiker und Zuschauerinnen die Wunder des Stummfilms wieder zu schätzen und zu erkennen, wie viel mehr dieser war als Tonfilme ohne Worte.» In den fünf Jahren, seit Ian Christie dies in der britischen Filmzeitschrift «Sight & Sound» geschrieben hat, hat sich dieser Trend bestätigt und noch verstärkt. Je ferner die ersten Jahrzehnte des Films uns zeitlich rücken, desto deutlicher tritt zutage, dass der Film ohne synchronen Ton nicht unvollkommen war, sondern eine Kunstform eigener Prägung, oft näher bei der Oper oder dem Ballett als bei der Realitätsimitation und -illusion des heutigen Kinos.

Musikbegleitung auf höchstem Niveau
Wesentlich beigetragen zur neuen Beliebtheit der Stummfilmaufführungen hat, wie Christie bemerkt, eine veränderte Aufführungspraxis. Während früher Archive und Filmclubs diese Filme in andächtiger Stille zu zelebrieren pflegten, wurde dieser Purismus aufgegeben zugunsten der Darbietung mit musikalischer Begleitung. Damit sind weniger die Grossanlässe mit riesiger Orchesterbesetzung gemeint, die in den meisten Fällen so wenig wie die absolute Stille der einstigen Aufführungspraxis entsprechen. Solcher Aufwand mag bei ohnehin aufs Grandiose angelegten Werken (wie etwa dem Napoléon von Abel Gance) angebracht sein, meist jedoch stellt der Aufmarsch unzähliger lebender Musiker eher den toten Filmemacher und sein Werk in den Schatten – bzw. in das überstrahlende Licht der vielen Pultlampen.
Den Durchbruch zu neuer Beachtung verdanken die «stummen» Filme vielmehr einer Reihe von Pianisten, Musikerinnen mit anderen Instrumenten oder kleinen Ensembles, die sich darauf spezialisiert haben, mit improvisierter oder eigens neu komponierter Musik diese Werke zur Geltung zu bringen. Ahistorisch an dieser Art der Aufführung dürfte, nach den zeitgenössischen Zeugnissen zu schliessen, nur das erheblich höhere Niveau dieser Musiken sein im Vergleich zur einstigen Praxis, die weitgehend auf der Kompilation gängiger klassischer (weil tantiemenfreier) Melodien beruhte.
Wir freuen uns deshalb, einige der besten Stummfilmbegleiter aus dem In- und Ausland einmal mehr im Rahmen des Festivals zu begrüssen: Frank Bockius und Günter A. Buchwald (beide Freiburg i. Br.), Martin Christ (Ligerz), André Desponds (Zürich), Stephen Horne (London), Maud Nelissen (Doorn NL), Alexander Schiwow (Zürich), Richard Siedhoff (Weimar), Bruno Spoerri (Zürich), Gabriel Thibaudeau (Montréal). Dazu kommen erstmals der Klarinettist Helmut Eisel (Saarbrücken), der Pianist John Sweeney (London) und der Posaunist Marc Roos (Stuttgart).

Vielfalt an Themen und Stilen
Mit 1919 und 1929 stehen zwei besondere Jahre im Fokus des Programms: das erste Friedensjahr nach dem Ersten Weltkrieg und das in Westeuropa letzte Jahr der Stummfilmkunst. 1919 brachte den Höhepunkt der in den Kriegsjahren zu Weltgeltung aufgestiegenen schwedischen Produktion; sie ist deshalb gleich mit zwei Filmen in unserer Auswahl vertreten. Thematisch präsentiert sich 1919 extrem kontrastreich: von einem der auf Jahre hinaus letzten und zugleich bittersten Filme über den Grossen Krieg bis zur vom Foxtrott-Fieber geschüttelten «besseren» Nachkriegsgesellschaft.
1929 erscheint im Rückblick vielen als Kulmination stummer Filmkunst. Das ist sicher richtig im Sinne einer Entwicklung, deren Abbildungs-Realismus – wie er etwa in Tagebuch einer Verlorenen oder in Erotikon zu bewundern ist – nahtlos in den Tonfilm übergehen sollte. Daneben stehen aber auch Werke wie Trümmer eines Imperiums, deren nicht minder reiche ästhetische Konzeption zeigt, dass sich der Film auch in ganz andere Richtungen hätte entwickeln können.
Dass es eben nicht den Stummfilm gab, sondern eine breite Palette unterschiedlicher gestalterischer Konzepte, macht die Beschäftigung mit diesen ersten, «tonlosen» Jahrzehnten der Filmgeschichte so anregend. Dies zu erleben lädt unser Festival 2019 alle gestandenen Stummfilmfans ein. Und alle andern, die offen sind für diese wunderbaren optisch-akustischen Erlebnisse.

Martin Girod


Weitere wichtige Filme von 1919:
Blind Husbands Erich von Stroheim, USA
Das Kloster von Sendomir Victor Sjöström, Schweden
J'accuse Abel Gance, Frankreich
Madame Dubarry Ernst Lubitsch, Deutschland
Nerven Robert Reinert, Deutschland
Praesidenten Carl Theodor Dreyer, Dänemark
The Red Lantern Albert Capellani, USA
True Heart Susie David Wark Griffith, USA
Unheimliche Geschichten Richard Oswald, Deutschland
When the Clouds Roll By Victor Fleming, USA

Weitere wichtige Filme von 1929:
A Cottage on Dartmoor Anthony Asquith, GB
Asphalt Joe May, Deutschland
Blackmail Alfred Hitchcock, GB
Das neue Babylon (Nowy Wawilon) G. Kosinzew/L. Trauberg, UdSSR
Der Mann mit der Kamera (Tschelowjek s kinoapparatom) Dziga Wertow, UdSSR
Die Generallinie (Das Alte und das Neue; Generalnaja linija/ Staroje i nowoje) Sergej M. Eisenstein, UdSSR
Drifters John Grierson, GB
Fräulein Else Paul Czinner, Deutschland
Gardiens de phare Jean Grémillon, Frankreich
Lucky Star Frank Borzage, USA
Mutter Krausens Fahrt ins Glück Piel Jutzi, Deutschland
Piccadilly E. A. Dupont, GB
Queen Kelly Erich von Stroheim, USA
Rotaie Mario Camerini, Italien
The Informer Arthur Robison, GB