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Claudia Cardinale

Sie dreht noch immer. Zur Legende wurde sie jedoch in den 1960er-Jahren in Filmen von Luchino Visconti, Mario Monicelli, Valerio Zurlini und natürlich von Federico Fellini, der ihr in Otto e mezzo die vielleicht perfekte Rolle gab. Pünktlich zum 80. Geburtstag von Claudia Cardinale am 15. April zeigen wir 15 Filme der in Tunis geborenen Sizilianerin, die mit ihrer betörenden Mischung aus Naivität und Sinnlichkeit zu einem der Superstars des italienischen Kinos wurde. Claudia Cardinale reüssierte ähnlich wie ihre älteren Kolleginnen Gina Lollobrigida und Sophia Loren in einer Dekade, in der Diven, ganz besonders italienische, en vogue waren. In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren hatte sich das Kinopublikum in Europa vom Zweiten Weltkrieg erholt, der Wiederaufbau war weitgehend abgeschlossen; nun sehnte man sich nach jenem Dolce Vita, das Adriastrände, südliche Sonne und italienisches Gelato verhiessen. Als Verkörperung männlicher Sehnsüchte fungierte die grosszügig dekolletierte, glutäugige und gern auch barfüssig-bodenständige Frau mit lautem Mundwerk, die wenig Göttlich-Entrücktes hatte. Jedenfalls nicht in ihren Rollen, dafür umso mehr bei öffentlichen Auftritten: Trauben von Autogrammjägern, Fotografen und Polizisten scharten sich etwa an der Berlinale 1964 um Claudia Cardinale, die dort den Film La ragazza di Bube von Luigi Comencini repräsentierte. Der Titel «Bubes Mädchen» verweist bereits auf die Rollen, die Claudia Cardinale spielte: ein namenloses, glänzendes Prestigeobjekt für die Männer, denen sie zugeordnet ist, eben: Das Mädchen von …

Die Frau in Männergeschichten
Das war in den 1960er-Jahren, als Cardinale auf dem Gipfel ihres Ruhms war, üblich. Heute ist man schon eher verblüfft, dass die erzählten Geschichten sich fast ausschliesslich um Männer drehten. Die Schauspielerin schien genau das zu verkörpern, was Männer wollten: Schönheit gepaart mit Sinnlichkeit, Nahbarkeit statt Ziererei. Auf diese Eigenschaften setzte Luchino Visconti in seinem Meisterwerk Il gattopardo (1963), in dem es Cardinales Figur Angelica obliegt, den Adel mit dem aufstrebenden Bürgertum zu versöhnen. Viscontis Generationendrama kreist um die beiden männlichen Protagonisten, den von Burt Lancaster dargestellten Fürsten Salina und dessen Neffen Tancredi, den er mit dem aufstrebenden Star Alain Delon besetzte. Dennoch hatte Visconti, der Cardinale bereits 1960 für eine kleine Rolle in Rocco e i suoi fratelli entdeckt hatte, ein Gespür für Cardinales sinnliche Ausstrahlung, die in Il gattopardo die ganze Vitalität und Prosperität der Neureichen repräsentiert.
Visconti inszenierte ihren ersten Auftritt im Haus der adeligen Familie wie den einer Braut: Angelica, Tochter des beflissenen Bürgermeisters, ist dem Anlass entsprechend gekleidet, ehrerbietig und bescheiden, aber ihre kecken Augenaufschläge deuten auf andere Eigenschaften hin. Ihre Antagonistin Concetta, die Tochter des Hauses, ist ein vor der Zeit gealtertes und vor Frömmigkeit zermürbtes Mädchen, das sich Hoffnungen auf den attraktiven Cousin Tancredi macht – bis sie dessen Blicke auf Angelica bemerkt. Cardinale verrät Angelicas Herkunft mit einem rauen, ordinären Lachen bei Tisch, das die Gesellschaft erstarren lässt. Dieses Lachen ist vielleicht ihr bekanntestes Markenzeichen – so berühmt, dass es sogar kopiert wurde.
In Fernando Truebas Künstlerporträt El artista y la modelo (2012) spielt Cardinale die Ehefrau eines alten Bildhauers zur Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs, der in einer jungen Flüchtigen noch einmal das perfekte Modell zu finden glaubt. Die von Aida Folch dargestellte junge Spanierin lacht laut und rau, während Cardinale in ihrer Rolle als selbstlose Künstlergattin und Vermittlerin des jungen Modells wenig zu lachen hat. Nahtlos knüpft Fernando Trueba an die Besetzung der Cardinale in den 1960er-Jahren an: Das Mädchen von …
In einem weiteren Visconti-Film, Vaghe stelle dell’orsa, (1965) ist Cardinales Part grösser, ihre Figur Sandra ist modern, selbstbewusst, chic und reich. Aber ganz offensichtlich konnte der Regisseur nicht viel mit der Figur anfangen, lag sein Augenmerk doch auf dem Hauptdarsteller Jean Sorel, der Alain Delon zum Verwechseln ähnlich sah. Wieder drehte sich die Familiengeschichte um den schönen, jungen Mann, dessen Passion und Regression. Cardinale als seine ältere Schwester ist meistens zornig, mit «feindseligem Blick und unbarmherzigem Ausdruck», wie ein Familienmitglied sie beschreibt. Ihre Darstellung ist überzeugend, aber Zorn wurde ihr später nicht mehr abverlangt.

Selbstbewusst auch in marginalen Rollen
Ausgerechnet in einem Italowestern, dem Klassiker Once Upon a Time in the West (1968), wird Cardinale als selbstständige, erstaunlich beherzte Frau besetzt und ist dabei ihren drei mächtigen Partnern Henry Fonda, Charles Bronson und Jason Robards durchaus ebenbürtig. Als Ex-Prostituierte Jill auf dem Weg zur Verbürgerlichung – ihr Mann und seine drei Kinder werden allerdings erschossen, noch bevor sie bei ihnen eintrifft – trotzt sie Drohungen und Erpressungen, widersteht Erniedrigungen und Abwertung, weil sie diesbezüglich schon viel mitgemacht hat. Sie sehe, so sagt sie dem Gangster Cheyenne einmal, nun wirklich nicht aus wie eine arme, hilflose Witwe. Und sie wird auch nicht so behandelt: Nicht nur ein Mann versucht, sie zu vergewaltigen. Was könne man ihr schon tun, sagt sie, ein heisses Bad brauche sie hinterher, mehr nicht. Es bleibt beim Versuch. Mit grosszügigem Dekolleté – ein weiteres Markenzeichen – bewegt sich Jill in einer weitgehend frauenlosen Welt, und es ist klar, «dass es einen Mann glücklich macht, eine Frau wie dich zu sehen». Mit diesen Worten rückt der Gangster Cheyenne sie in die Sphäre des Unerreichbaren.
Dort war sie schon vorher: in Federico Fellinis aus der Zeit gefallenem Film Otto e mezzo (1963). Darin ist Cardinale das Frauenideal schlechthin, die ätherische, stets lächelnde Vision des geplagten Regisseurs Guido, der, umgeben von Frauen und gefangen in seiner Ideenlosigkeit, auf der Flucht ist vor sich selbst. Die Cardinale-Figur hält ihm den Spiegel vor, sie ist Lichtgestalt und, wie er einmal sagt, «Kind und gleichzeitig Frau». Eine Fehleinschätzung, sowohl was die Figur als auch ihre Darstellerin betrifft. Ähnlich wie Sophia Loren wirkt Claudia Cardinale selbstbewusst, auch wenn sie marginale Rollen spielt.
Otto e mezzo war der erste Film, in dem Cardinales Stimme zu hören war. Vorher wurde die in Tunis aufgewachsene Tochter sizilianischer Emigranten synchronisiert. Da sie mit Arabisch, Französisch und Sizilianisch aufgewachsen war, musste sie Italienisch erst lernen. Zur Schauspielerei kam sie, weil sie einen Schönheitswettbewerb und eine Reise zum Festival in Venedig gewann, was sie dazu animierte, die Schauspielschule in Rom zu besuchen. Dass sie von ihrem späteren Ehemann, dem Produzenten Franco Cristaldi, während der Ausbildung entdeckt wurde und nicht etwa als eins der zahlreichen Starlets am Festival, zeigt einmal mehr die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihren Beruf ausübte.
Claudia Cardinales grosse Zeit waren die Sechziger – ab den 1970er-Jahren galt ihr Frauentyp als unmodern. Dennoch dreht sie bis heute auf der ganzen Welt, weil die Schauspielerei sie jung hält, wie sie 2012 in einem Interview erklärte: «Man kann zwar die Zeit nicht anhalten, aber man kann aktiv bleiben, nicht aufhören zu arbeiten; dann braucht man keine Schönheitsoperation.»
Daniela Sannwald

Daniela Sannwald ist Filmhistorikerin. Sie arbeitet als freie Publizistin und Ausstellungskuratorin. Im Herbst 2018 erscheint ihr zusammen mit Christina Tilmann geschriebenes Buch «Königinnen. Bilder der Macht».
Claudia Cardinale steht auch immer noch auf der Bühne und ist oft auf Tournee – mit ein Grund, warum sie unsere Einladung nach Zürich leider ablehnen musste.

Zusatzinformationen: Für die Unterstützung dieser Filmreihe danken wir dem Italienischen Kulturinstitut Zürich.