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Hongkong Kino

Once upon a time …

Am 1. Juli 2017 jährt sich die Übergabe der einstigen britischen Kronkolonie Hongkong an die Volksrepublik China zum zwanzigsten Mal. Die einst blühende und weltweit produktivste Filmindustrie dieser Metropole hat sich seither stark verändert. Die Filmpodium-Reihe blickt zurück aufs Ende des letzten Jahrtausends und lässt die «Golden Years» des Hongkong-Kinos nochmals aufleben. Gut 15 Jahre lang wurde in Hongkong das aufregendste Kino der Welt gemacht. Charakteristisch für Hongkong-Produktionen, die in den 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre entstanden, war ihre extreme Kinetik. Aktion und Dynamik bestimmten das Bild, der visuellen Attraktion wurde meist grössere Bedeutung zugemessen als dem Inhalt. In Martial-Arts-Movies wie Once Upon a Time in China II oder Iron Monkey sind Choreografie, Realisation und Montage von körperbetonten Kampfszenen zur Kunstform entwickelt worden. Duel to the Death, das Regiedebüt des Kampfkunst-Spezialisten Ching Siu-tung, der auch die wahnwitzige Action in The Heroic Trio dirigierte, betört durch eine märchenhafte Atmosphäre und bildschön in Szene gesetzte Schwertkämpfe. Das Neue Hongkong-Kino zeichnete sich durch eine schöpferische Unbefangenheit und eine Urwüchsigkeit aus, die Hollywood längst verloren hatte. Während das europäische Kino, von Gremien- und Cliquenwirtschaft gelähmt, am Subventionstropf dahinvegetierte, wirkte das Hongkong-Kino quicklebendig. Die kleine, gut 1000 Quadratkilometer umfassende kapitalistische Enklave am Rande der kommunistischen Grossmacht China war weltweit eine der fruchtbarsten Filmbrutstätten. 1993 wurden in Hongkong 235 Kinoproduktionen realisiert. Neun der zehn dort erfolgreichsten Kinohits stammten aus einheimischer Produktion. Zugleich waren Hongkong-Filme Exportschlager und dominierten die Kinos in Korea und anderen asiatischen Ländern. Komödien, Krimis und Martial-Arts-Movies machten die Masse der Filmproduktion aus. Wobei reine Genres selten vorkamen; typisch war die Kombination von Figuren, Stil- und Inhaltselementen aus verschiedenen Genres oder Subgenres.

Aufbruch und Experimentierfreude
1979 begann die neue Blüte. Dutzende von jungen Filmemachern, die zum Teil an Hochschulen im westlichen Ausland ausgebildet worden waren und erste praktische Erfahrungen beim Fernsehen gesammelt hatten, belebten die Kinolandschaft der britischen Kronkolonie mit neuen Impulsen, Techniken und Ideen. Kassenschlager wie Jackie Chans Project A, Sammo Hungs Wheels on Meals oder die überaus vergnügliche Komödie Chicken and Duck Talk mit den Hui-Brüdern boten volksnahe Unterhaltung pur. Abseits vom Mainstream entstanden aber auch Filme, die sich kritisch mit gesellschaftlichen und sozialen Missständen auseinandersetzten. Das Teenager-Drama Gangs zeigt, wie sich eine Bande von Jugendlichen mit Schutzgelderpressung, Rauschgifthandel, Raub und Prostitution durchzuschlagen versucht. Der Filmemacher Lawrence Ah Mon drehte mit O-Ton und vor Ort, und es sind vor allem die überzeugenden jungen Laiendarsteller, die einem das Gefühl vermitteln, eine packende Reportage aus dem rasenden Herzen Hongkongs zu sehen. Der vorzügliche Krimi The Long Arm of the Law zeigt, wie einige Ganoven mit dem Traum vom schnellen Reichtum aus China nach Hongkong kommen und dort vor die Hunde gehen. Bemerkenswert ist der Film zudem, weil das finale Feuergefecht in der berüchtigten und inzwischen längst abgerissenen Walled City («ummauerte Stadt») gedreht wurde, einem Stadtteil, der im Kantonesischen auch die «Stadt der Dunkelheit» genannt wurde, lange Zeit einen ungeklärten rechtlichen Status hatte und unter anderem das Zentrum von Drogenhandel und Prostitution war.
Mit der Hoffnung auf Glück und Geld kommen auch in Comrades: Almost a Love Story ein Chinese und eine Chinesin nach Hongkong. Im Gegensatz zur extrem geschäftstüchtigen Frau hat der naive Gastarbeiter in der modernen Metropole mit grossen Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen. Beim gemeinsamen Existenzkampf kommen sich die beiden näher, es geht um familiäre und kulturelle Entwurzelung, um Entfremdung und Einsamkeit im Exil. Der ambitionierte Film versteht es, etwas von der Lebensart in dieser Stadt zwischen Ost und West zu vermitteln, wo Materialismus das Denken, Rastlosigkeit das Dasein und mörderischer Konkurrenzkampf das Geschäftsleben prägen.

Raum für Nischen
Eigensinnige Autorenfilmer hatten es schwer in diesem Umfeld und führten meist Randexistenzen. So konnte ein kompromissloser Exzentriker wie Allen Fong in zwanzig Jahren nur eine Handvoll Spielfilme realisieren, darunter Ah Ying, ein anrührendes Doku-Drama über ein armes Mädchen vom Fischmarkt, das von einer Karriere als Schauspielerin träumt. Wong Kar-wai gelang es, sich eine Nische in der Hongkonger Filmszene zu schaffen. Die Handlung seiner Filme verläuft nie gradlinig, sondern collagenhaft segmentiert. Wongs visuelle Ästhetik verbindet Einflüsse aus Nouvelle Vague und Werbeclip, aus Genrefilm und Avantgarde-Kino. Der von Martin Scorseses Mean Streets inspirierte Krimi As Tears Go By mit dem späteren Superstar Andy Lau und der bezaubernden Maggie Cheung war noch relativ konventionell in Szene gesetzt. Mit seinem zweiten Opus erlangte Wong Kultstatus, vor allem bei japanischen Kinofans. Er avancierte zum Festivalliebling und machte das Hongkong-Kino auch im abendländischen Feuilleton salonfähig. Days of Being Wild ist ein melancholisches, eigentümlich faszinierendes Kammerspiel mit hautnahen Bildern aus dem Leben einer verloren wirkenden jungen Generation. Im Zentrum des neurotischen Reigens steht ein elternlos aufgewachsener Halbstarker im Hongkong der frühen 60er-Jahre, der die Zeit mit amourösen Abenteuern totschlägt.

Nicht nur Männersache
Im Zuge der Erneuerung des kantonesischen Kinos ab 1979 konnten auch Frauen die Regiestühle besetzen. Clara Law stellt in Autumn Moon die spirituelle Orientierungslosigkeit junger Leute dar, ihre Entfremdung von traditioneller asiatischer Lebensart in einer zunehmend westlich geprägten Welt. Dabei gelingt Law ein kunstvoll stilisiertes Stadtporträt von Hongkong. Mittels Montage und Computergrafik fügt sie die wie Skelettknochen in den Himmel ragenden Hochhäuser zu kubistischen Bildkompositionen, die durch japanische Tuschzeichnungen und chinesische Kalligrafie ergänzt werden – Chiffren für Moderne und Tradition. Ann Hui war die produktivste Hongkonger Regisseurin. Ihr erschütterndes Drama Boat People führt das Elend vietnamesischer Flüchtlinge drastisch vor Augen.
Ab 1997, nach der Übergabe der britischen Kronkolonie an die Volksrepublik China, ist Johnnie To mit seiner Produktionsfirma Milky Way ein Garant für gutes Genrekino. Im fulminanten Gangsterfilm The Mission soll eine fünfköpfige Leibwächtertruppe einen alternden Triadenboss vor Attentätern schützen. Bedeutender als die Story ist die reduzierte Art, wie sie dramaturgisch raffiniert, stilistisch geschlossen und ohne viele Dialoge in Szene gesetzt ist: mit innerer Spannung statt oberflächlichem Aktionswirbel. To richtete sein Augenmerk auf die zwischenmenschliche Chemie unter den charakterlich ganz verschieden gearteten Bodyguards. Hongkongs Filmkritiker wählten The Mission zum besten Film des Jahres 1999.

Wie bitte? Das Filmpodium widmet der Glanzzeit des Hongkong-Kinos eine grosse Retrospektive – ohne Chungking Express oder einen einzigen Film von John Woo? Und wo bleibt The Chinese Ghost Story? Haben die sie nicht alle? > Weiter lesen...
Ralph Umard

Der Berliner Filmkritiker Ralph Umard ist Autor von «Film ohne Grenzen», dem Standardwerk zum Neuen Hongkong-Kino, und Koautor von «Woo», der Biografie des international erfolgreichsten chinesischen Regisseurs John Woo. 1993 zeigte das ZDF Umards TV-Feature Film ohne Fesseln – Das Neue Hongkong Kino.