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Schweizer Filmklassiker in neuem Glanz

Die digitale Rettung von Wipf, Gilberte und Läppli

Seit 2002 restauriert das Schweizer Fernsehen in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und dem Verein Memoriav alljährlich zwei bis vier Schweizer Filme mit digitaler Technik. Diese Arbeiten, seit Kurzem im HD-Format, werden in Fachkreisen hoch geschätzt, sind aber kaum je auf der Kinoleinwand zu sehen. Das Filmpodium schliesst diese Lücke mit einer repräsentativen Auswahl von 17 Titeln. Jedes Programm ist eine Auswahl. Das gilt für die Herkules-Aufgabe der Restaurierung und Erhaltung des Schweizer Filmerbes genauso wie für die Zusammenstellung eines Filmpodium-Programms. Was den Schweizer Film von 1938 bis 1964 betrifft, so kommt man dabei um die drei Namen Leopold Lindtberg, Franz Schnyder und Kurt Früh nicht herum. Als einzige Regisseure haben sie zu ihrer Zeit kontinuierlich Filme gedreht, von ihnen stammen konsequenterweise ein Grossteil der bisher restaurierten Werke und das Gros der nun im Kino programmierten Titel. Nicht alles ist grosse Kunst, primär geht es um Rettung, Erhaltung und Zugänglichmachung des filmischen Kulturguts. Erwähnenswert ist sodann, dass sich auch die Bildbearbeitung in den vergangenen fünfzehn Jahren entwickelt hat: Das heute übliche HD-Format (High Definition) lässt einen 2002 restaurierten Film schon fast wieder «alt» aussehen.

Leopold Lindtberg: der Internationale
Gleich sechs der insgesamt elf abendfüllenden Spielfilme, die zwischen 1938 und 1953 unter Leopold Lindtbergs Regie entstanden, sind im Filmpodium zu sehen. Bei seinem Erstling Füsilier Wipf wurde Lindtberg noch der erfahrene Cutter Hermann Haller als Koregisseur beigesellt, doch schon für die beiden nachfolgenden Filme, Wachtmeister Studer (1939, nach Friedrich Glauser) und Die missbrauchten Liebesbriefe (1940, nach Gottfried Keller), war er allein zuständig. Lindtberg, hauptamtlich am Zürcher Schauspielhaus tätig, inszenierte die beiden, vom Inhalt sehr unterschiedlichen Literaturadaptionen mit Esprit und Witz; nicht zufällig gehören die Titel seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Schweizer Filmen. Marie-Louise (1944) und Die letzte Chance (1945) sind die vorläufigen Höhepunkte der Restaurationsarbeiten: Beide brillieren im HD-Format und beide enthalten Szenen, die bis anhin als verschollen galten. Während im ersten Film noch reichlich Sonntagsschulstimmung mitschwingt, überzeugt das Flüchtlingsdrama Die letzte Chance durch die aktuelle Stoffwahl sowie die Nüchternheit der Darstellung. Der Film, nach Kriegsende mehrfach ausgezeichnet, ist ein Muss für alle Cineasten. Swiss Tour (1948) ist als Zeitdokument interessant: Wem, ausser amerikanischen GIs, wäre wohl erlaubt worden, sich übermannsgross neben dem Matterhorn in Szene zu setzen?

Franz Schnyder: Glück nur mit Gotthelf
Beinahe ein Vierteljahrhundert umfasste die Filmkarriere Franz Schnyders, doch sie verlief alles andere als geradlinig. In der Filmpodium-Reihe ist der Berner Regisseur mit drei Titeln vertreten, darunter sein erstes und sein letztes Werk. Gleich das Debüt Gilberte de Courgenay (1941) geriet zum Grosserfolg und beschied der Hauptdarstellerin Anne-Marie Blanc eine Starrolle, mit der sie bis ins hohe Alter identifiziert wurde. Schnyders übernächster Film, Wilder Urlaub (1943), der einen Schweizer Soldaten als Deserteur porträtierte, fiel beim Publikum durch. Erst 1954 konnte Schnyder mit Uli der Knecht zum Film zurückkehren. Mit dem mutigen Der 10. Mai (1957, restaurierte Fassung 2015 im Filmpodium) erlitt der Regisseur erneut kommerziellen Schiffbruch, diesmal auch als Produzent. «Retour à Gotthelf» lautete nun die Losung. Die Käserei in der Vehfreude (1957) setzte voll auf Action, was dem Film in der BRD den Verleihtitel Wildwest im Emmental eintrug. In der Folge verfilmte Schnyder vier weitere Werke des Emmentaler Autors bis hin zu Geld und Geist (1964), dem einzigen Titel der Reihe in Farbe. In jenem Jahr kam allein dieser einheimische Spielfilm ins Kino, und er beendete eine Epoche.

Kurt Früh: Wider den «Landi»-Geist
Lange Zeit wurden die Kinofilme Kurt Frühs als «Kleinbürger-Dramen» empfunden – zu Unrecht: Bäckerei Zürrer (1957, aktuell in der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» programmiert) ist der beste Schweizer Film der fünfziger Jahre und der erste urbane Schweizer Film überhaupt. Früh setzte einen städtischen Mikrokosmos ins Bild und konfrontierte die «Landi»-Werte des alten Bäckermeisters sowohl mit jenen seiner drei (erwachsenen) Kinder als auch mit jenen der Italienerkolonie rund um die Zürcher Langstrasse. Drei Nebenfiguren aus Bäckerei Zürrer kamen in Hinter den sieben Gleisen (1959) zu einem Hauptauftritt. Es ist dies des Regisseurs Lieblingsfilm, ein anarchistisches Märchen, in dem die drei Clochards Dürst, Clown und Barbarossa (grossartig: Max Haufler) ein Leben abseits der Normen zelebrieren. Der Teufel hat gut lachen (1960) ist das Sequel des Sequels, eine schweizerisch-deutsche Koproduktion: Diesmal hat es die drei Vagabunden ins Tessin verschlagen, wo sie der Teufel mit Geld in Versuchung führt, wobei häufige Naheinstellungen auf Banknoten wohl unbewusst auf die angebrochene Hochkonjunktur verweisen. Weniger bekannt ist Im Parterre links (1963), ein Familienstück um Schein und Sein. Die Mutter definiert und manipuliert die Wertvorstellungen ihrer Liebsten und ist dann völlig ratlos, als die eigene Tochter ihren jugoslawischen Freund nach Hause bringt: «En Jugo-Was?»

Läppli und Raritäten
Alfred Rassers Cabaret-Figur Theophil Läppli ist helvetischer Kult; sie kam unter Rassers Regie auch in zwei abendfüllenden Spielfilmen zu Ehren. HD-Soldat Läppli (1960), in dem der Autor den militärischen Leerlauf durch permanenten Übereifer unterlief, war ein Kinohit und hat bis heute eine grosse Fangemeinde. Gerade im partiellen Scheitern ist Demokrat Läppli (1961) vielleicht der interessantere Film. Rasser mass hier die Schweizer Realität an den Idealen der klassischen Demokratie, wobei er auch die Arbeitswelt miteinbezog. Doch die Läppli-Subversion verfing dabei nur gelegentlich, offensichtlich verbot sich im Kalten Krieg humorvolle Systemkritik.
Edmund Heuberger ist als Regisseur nur noch Insiderkreisen bekannt. Als Rarität zeigt das Filmpodium sein ambitioniertes Abtreibungsdrama Dilemma (1940). Gespannt sein darf man auf eine weitere Arbeit Heubergers, Das Menschlein Matthias (1941), dessen Restauration momentan in der Endphase steckt. Max Haufler schliesslich, der ewige Aussenseiter und Rebell des Schweizer Films, ist im Programm mit Menschen, die vorüberziehen ... (1942) vertreten. Allzu gerne hätte man sich auch Farinet, Hauflers 1939 gedrehte Ramuz-Verfilmung, angesehen. Doch davon existiert vorläufig keine restaurierte Fassung. Nicht alles, was wünschbar ist, ist auch machbar. Dies gilt auch für die Rettung und Restaurierung des Schweizer Filmerbes.


Podiumsveranstaltung
Die letzte Chance: Das Schweizer Filmerbe und seine Rettung
Die Schweizer Klassiker in diesem Programm wurden in den letzten Jahren vom Schweizer Radio und Fernsehen SRF in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und dem Verein Memoriav restauriert. Über die besonderen Herausforderungen und die Prioritäten bei der Restaurierung des Schweizer Filmerbes diskutieren an einer Podiumsveranstaltung der Projektverantwortliche bei SRF, Heinz Schweizer, Memoriav-Direktor Christoph Stuehn und Cinémathèque-Direktor Frédéric Maire mit dem Historiker und Filmwissenschaftler Felix Aeppli. Das Gespräch wird moderiert von Andreas Furler, ehem. Koleiter Filmpodium, Gründer Filmportal cinefile.ch.
Felix Aeppli

Felix Aeppli, Historiker und Filmwissenschaftler, lebt in Zürich und befasst sich seit Mitte der 1970er-Jahre mit dem Thema Schweizer Film. aeppli.ch