Nüschelerstrasse 11, 8001 Zürich, Kinokasse 044 211 66 66

< Zurück

Das Kino der Weimarer Republik

Die Wiederkehr des Verdrängten

Mit zahlreichen Filmausschnitten belegt Rüdiger Suchsland in seinem Film Von Caligari zu Hitler, wie modern das Kino der Weimarer Republik auch Anfang des 21. Jahrhunderts ist. Das Filmpodium zeigt dazu ausgewählte Werke aus der Zeit: Stummfilmklassiker, legendäre frühe Tonfilme, aber auch unbekanntere Filme, die zu entdecken sich lohnt. Caligari, Mabuse, Nosferatu – wir alle kennen die glamourösen Monster des deutschen Films. Wir kennen Murnaus Faust, die wilden Nibelungen, die verrückten Wissenschaftler und machtbesessenen Ingenieure aus Metropolis; wir kennen die Doppelgänger und die Femmes fatales; die dunklen Räume mit den schrägen Wänden, die labyrinthisch verschlungenen Strassen, die leuchtenden Farben. Der frühe Film war ja nie einfach schwarz-weiss, sondern schwarz-feuerrot, schwarz-neongrün oder schwarz-giftgelb.
Wir meinen, viel zu wissen. Aber was wissen wir wirklich von den über 800 deutschen Filmen, die zwischen 1918 und 1933 entstanden? Was wissen wir von der Weimarer Gesellschaft und ihrer extrem vielfältigen Kultur, die zwischen Reformen, rasanter Modernisierung und politischem Extremismus entstand? Was wissen wir von dieser Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs, die diese Leinwandgötter, Stummfilmgeister und Kinomonster gebar?

Auf Augenhöhe mit Hollywood
Die Zeit zwischen Weltkriegsniederlage und Revolution 1918/19 bis zu Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 kennen wir als die Weimarer Republik: Sie war der freieste Staat, den es je auf deutschem Boden gab. Vor allem aber war sie ein wildes Zeitalter, charakterisiert durch ökonomische Erschütterungen, eine politische «Krise ohne Alternative» (Christian Meier) und die Brillanz einer «Kultur der Aussenseiter» (Peter Gay). Diese Epoche war viel mehr als nur die Vorgeschichte für den Aufstieg der Nazis. Bis zum heutigen Tag steht «Weimar» für die bedeutendste Epoche der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte, eine Zeit voller Erneuerung und Aufbruch in allen Bereichen.
Der deutsche Film befand sich auf Augenhöhe mit Hollywood: Regisseure wie Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Josef von Sternberg drehten ihre ersten grossen Filme, Regisseure wie Robert Siodmak, Billy Wilder, Fred Zinnemann und andere begannen damals ihre Karriere. In dieser Zeit wurden die Grundlagen der «Siebten Kunst» gelegt. Filmschaffende mussten jeden Tag Neues erfinden, denn noch gab es keine Regeln. Ein Verständnis dieses neuen Mediums musste erst gefunden werden.


Das Unterbewusste auf der Leinwand
Um 1910 kam der Expressionismus auf. Er war eine von mehreren grossartigen Avantgarde-Bewegungen, die in dem Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg die Moderne begründeten: Fauvismus, Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus, Vortizismus. Zusammen mit Nietzsches Philosophie, Freuds Psychoanalyse, Einsteins Relativitätstheorie und den neuen Entdeckungen der Soziologen und Ethnologen erschütterten sie die bürgerliche Gesellschaft bis ins Mark.
Der Expressionismus war nicht erst eine spätere Reaktion auf die Schreckenserfahrungen des Grabenkriegs mit Trommelfeuern und Massensterben. Vielmehr wirkte der Weltkrieg wie die Einlösung aller avantgardistischen Prophezeiungen des «Weltendes» (Jakob van Hoddis) und des «Zerfalls der Werte» (Hermann Broch). Nach Kriegsende war der Expressionismus für kurze Zeit Mainstream. Sogar Zahnpastawerbung wurde im expressionistischen Stil gemacht. Doch nie war ganz klar, was «Expressionismus» überhaupt bedeutet.
Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari ist der expressionistische Film schlechthin. Der Golem, ähnlich im Stil, ist eher eine mit Magie getränkte Parabel von Massenhysterien. Andere wichtige Filme sind nicht so bekannt, vielleicht, weil sie weniger dem Klischee entsprechen: Paul Lenis Wachsfigurenkabinett, Karl-Heinz Martins Von Morgens bis Mitternacht und Robert Reinerts Traumata-Reigen Nerven sind Ausdruck eines völlig anderen Expressionismus – eines Expressionismus der Seele. Diese Filme stehen beispielhaft für das Auftauchen des kollektiven Unterbewusstseins im deutschen Kino.
Bald darauf wandten sich die Regisseure von der Ästhetik des Expressionismus ab. In Murnaus Nosferatu trifft sie auf die Natur, in Mabuse ironisiert Fritz Lang die expressionistische Mode («Alles ist heute Expressionismus») und erweckt doch dessen Geister zu sozialem Leben. Mabuse, der Held dreier Werke Langs, hat tausend Gesichter. Er ist eine moderne mythologische Figur: ein deutscher Fantomas. Die Filme werden heller, zugleich realistischer. Das Kino verlässt die Salons der Bourgeoisie und interessiert sich für die Neue Sachlichkeit: Die Bilder orientieren sich an moderner Fotografie, zeigen das Leben der Strasse, «normale» Figuren, «neue» Gesichter, Laiendarsteller und Geschichten über Aussenseiter, Prostituierte, Arme. In den letzten Jahren der Weimarer Republik ist viel Nouvelle Vague und Neorealismus «avant la lettre» zu finden. Auch der Einfluss der Eisenstein-Schule ist spürbar.


Mentalitätsgeschichte des aufkommenden Faschismus
Für Siegfried Kracauer, den wichtigsten Filmkritiker der Weimarer Republik, der später einer der bedeutendsten Filmhistoriker und -theoretiker des 20. Jahrhunderts wurde, ist Wienes Film ein Symbol. In seinem bahnbrechenden Buch «From Caligari to Hitler» (1947) interpretierte er diesen Film als Ausgangspunkt einer Reise, die im Weimarer Kino Tyrannen, Diktatoren, Manipulatoren, verrückte Wissenschaftler, Massenmörder, kriminelle Schlafwandler und willige Vollstrecker entdeckt. Kracauer spürt Paranoia auf, Angst, Kulturpessimismus, Hass auf die Institutionen und Sehnsucht nach autoritären Führern. Sein Buch zeigt idealtypisch die Bedrohungen durch politischen und kulturellen Extremismus sowie Wirtschaftskrisen und liefert die Mentalitätsgeschichte des Aufstiegs von Faschismus, Demagogie, Rechtspopulismus und postdemokratischen Verhältnissen.
Die Weimarer Republik scheint für uns weit weg zu sein. Aber wenn wir genauer hinsehen, entdecken wir, wie nahe sie ist. Wir entdecken eine kulturelle und politische Situation, die der unseren sehr ähnelt: Eine Gesellschaft in Spannung zwischen der Überhöhung des Ich und seiner gleichzeitigen Auflösung in einer anonymen Menge; eine Gesellschaft, die in ihren Konsumtempeln an unendlicher Langeweile und wachsender Unsicherheit leidet; die von Börsenkatastrophen und Geldentwertung erschüttert, ökonomisch wie ideell verschuldet ist. Eine Kultur unter permanenter Anspannung. Weit weg?
Das Kino der Weimarer Republik ist viel mehr als eine Handvoll bekannter Filme und Autoren. Es gibt ein verstecktes Weimar und eine geheime Geschichte des deutschen Kinos, die noch zu entdecken sind. Weimar, diese erste deutsche Republik, ist ein sehr aktuelles Beispiel für eine liberale Gesellschaft, die permanent auf dem Vulkan tanzt, zwischen hedonistischer Lust und latentem Schwindel im Angesicht des Abgrunds. Eine brisante Mixtur, so gefährlich wie faszinierend. Das sie 1933 explodierte, war weder Schicksal noch Zufall. Die Monster von Weimar sind weiterhin mit uns, das Verdrängte erhebt wieder sein Haupt in den Erfahrungen der modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. – Um hierfür zu sensibilisieren, und natürlich um an die prächtigen Werke des Weimarer Kinos zu erinnern, habe ich diesen Film gemacht.
Rüdiger Suchsland

Rüdiger Suchsland, Filmkritiker und -journalist in Berlin, hat 2014 mit Von Caligari zu Hitler seinen ersten Film realisiert. Er wird ihn am Dienstag, 4. April, persönlich präsentieren und nach der Vorstellung mit der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und dem Filmschaffenden Samir über den Film debattieren. Am Donnerstag, 6. April, führt er in den Unterhaltungsfilm Ein blonder Traum nach einem Drehbuch von Billy Wilder ein. Soeben hat er seinen zweiten Dokumentarfilm Hitlers Hollywood fertiggestellt.
«Der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar. Seine Mission ist: Die in den Durchschnittsfilmen versteckten sozialen Vorstellungen und Ideologien zu enthüllen und durch diese Enthüllungen den Einfluss der Filme selber überall dort, wo es nottut, zu brechen.» Siegfried Kracauer, «Über die Aufgabe des Filmkritikers», 1932