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Stummfilmfestival 2016

Alte Filme als Live-Erlebnisse

Wie wohltuend sind, im Kontrast zu heutiger Geschwätzigkeit, die Werke der ersten Jahrzehnte der Filmgeschichte. Diese «stummen», ohne integrierte Tonspur auskommenden Filme erzählen fast ausschliesslich in Bildern – und wie beredt ist ihr Schweigen! Wenn dann noch eine einfühlsame Live-Musikbegleitung die Aussage der Bilder emotional verstärkt, entstehen unvergessliche Kinoerlebnisse. Das schon traditionelle Stummfilmfestival will den Reichtum und die Vielfalt dieser frühen, aber zu hoher Kunst entwickelten Filmart einem heutigen Publikum auf Spitzenniveau vermitteln. Es wartet auch 2016 mit überraschenden Entdeckungen auf.
Da sind legendäre Titel dank kürzlich restaurierten, qualitativ der originalen Qualität nahekommenden Fassungen in neuem Glanz zu erleben. Lange Unsichtbares wird endlich wieder zugänglich gemacht. Und zu Unrecht beiseitegeschobene Filme dürfen sich erneut im Projektorenlicht bewähren. Komödien stehen neben sozialen Melodramen, Literaturverfilmungen neben einer ethnografischen Docufiction, ein Männerfilm aus dem «Wilden Westen» neben frühen feministischen Geschichten, ein Kurzfilm neben dem 6½-stündigen Mammut-Opus Les Misérables. Zu Werken heute weitgehend vergessener Filmschaffender gesellen sich frühe Arbeiten späterer Berühmtheiten wie Jean Renoir, John Ford, Ernst Lubitsch – oder eines Michael Kertész, der sich in den USA Michael Curtiz nennen und Casablanca drehen sollte.
Einen Schwerpunkt bilden Filme von 1916 und 1926 – als Jahresauftakt zu «Das erste Jahrhundert des Films», der permanenten Filmgeschichtsreihe des Filmpodiums. Ein Rahmen, der auch eine willkommene Gelegenheit bietet, neben der Pflege des Klassiker-Repertoires einige Filme nachzureichen, die in einem anderen Kontext noch nicht erhältlich waren: Für die King-Vidor-Retrospektive des Filmpodiums musste auf La Bohème, eines seiner wichtigsten Frühwerke, verzichtet werden; jetzt wurde es greifbar. In die Hommage an Joan Crawford im Sommer 2015 hätte als frühes Beispiel (etwa ein Jahr nach ihrem Leinwanddebüt gedreht) ihr Auftritt als Partnerin des genialen Clowns Harry Langdon in Tramp, Tramp, Tramp bestens gepasst – mit wenigen Monaten Verspätung wird dieses Vergnügen nun nachgeliefert.
Zwei weitere Stars, auf die das Filmpodiums-Publikum wegen schwieriger Kopien- und Rechtslage viele Jahre warten musste, kommen nun endlich zu Ehren: Vom französischen Komiker Max Linder, den Chaplin als Vorbild verehrte, stehen ein früher kurzer Film aus seiner französischen Periode und Seven Years Bad Luck, einer seiner besten US-amerikanischen Langspielfilme, auf dem Programm. Die Schauspielerin Ruan Ling-yu war zu Beginn der 1930er-Jahre in China ein Superstar vom Glanz einer Garbo oder Dietrich und hat ihre Aura im Fernen Osten bis heute nicht eingebüsst (Stanley Kwan machte ihr Leben 1991 zum Filmstoff), doch ihre Filme waren lange unsichtbar. Die Restaurierung von Love and Duty erlaubt es nun, der Leinwandlegende zu begegnen und ihre darstellerische Vielseitigkeit und Intensität zu bewundern.
Zum Live-Event werden diese Stummfilme erst durch eine adäquate musikalische Begleitung. Auch wenn in der Ankündigung jeweils der Film im Vordergrund steht, haben die auf Stummfilme spezialisierten Musiker keineswegs eine untergeordnete Funktion: Sie treten als Partner des filmischen Werks mit diesem in einen künstlerischen Dialog, der das Publikum beide Ebenen intensiver wahrnehmen lässt. Die auch unterm Jahr im Filmpodium auftretenden «Hauspianisten» Martin Christ, André Desponds und Alexander Schiwow erhalten zum Festival jeweils Verstärkung durch einige der international gefragtesten Meister ihres Fachs. So kommen erneut nach Zürich: die Briten Neil Brand und Stephen Horne, die Niederländerin Maud Nelissen, der Frankokanadier Gabriel Thibaudeau und aus Deutschland Joachim Bärenz (Essen) und Günter A. Buchwald (Freiburg i. Br.). An den meisten Abenden werden sie allein am Flügel auftreten – gelegentlich auch mit weiteren Instrumenten oder geradezu als «one man orchestra» wie Stephen Horne. Zur Eröffnung erhalten John Fords Three Bad Men auf der Leinwand von zwei «best musicians» eine improvisierte Antwort im Saal: Mit dem Pianisten Neil Brand tritt Günter Buchwald als Violonist auf. Die Musik zu The Hunchback of Notre Dame dagegen ist festgeschrieben: Gabriel Thibaudeau hat eine Partitur für Piano, Geige und Gesangsstimme komponiert und wird sie am Flügel interpretieren, begleitet von Günter Buchwald (Geige) und von der Schweizer Sopranistin Gerda Findeisen. Die passende Musik für Varieté wird das Duo Günter Buchwald (diesmal am Klavier) und Frank Bockius (Freiburg i. Br.) am Schlagzeug improvisieren. Zum krönenden Abschluss mit der Komödie Tramp, Tramp, Tramp schliesslich wird die Zürcher Jazz- und E-Musik-Grösse Bruno Spoerri – nach dem Erfolg seines «Stummfilmdebüts» im Januar 2015 – erneut das Festival bereichern, diesmal zusammen mit Roger Girod, dem in Zürich ebenfalls bestens bekannten Pianisten.
Martin Girod