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Stummfilmfestival 2015

Mit dem schon fast traditionellen Stummfilmschwerpunkt beginnt das Jahr im Filmpodium: Den Auftakt zur permanenten Filmgeschichtsreihe bilden Werke aus den Jahren 1915 und 1925. Weitere «stumme» Highlights, darunter Neurestaurierungen von Klassikern und überraschende Wiederausgrabungen, sowie prominente Gäste – Musiker, Filmhistoriker, Archivfachleute – verdichten das Angebot zum Festival. Dieses lädt ein zum Eintauchen in die vielfältige Welt der ersten Kinojahrzehnte. Zwei Paukenschläge prägen das Hollywoodkino des Jahres 1915: Während David W. Griffiths The Birth of a Nation in den USA Triumphe feierte, fand Cecil B. DeMilles The Cheat in seinem Ursprungsland aus Zensurgründen anfänglich wenig Verbreitung, wurde dafür in Frankreich umso lebhafter gefeiert. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass die Mühe der US-Amerikaner mit The Cheat und jene der Europäer mit dem Griffith-Opus gleicher Natur waren: Es ging um Rassismus. In Europa verstellte die Irritation über Griffiths Südstaatleroptik mit ihrer verächtlichen Darstellung der Schwarzen den Blick für den gewaltigen filmkünstlerischen Schritt, den The Birth of a Nation bedeutete. In den USA sorgte die Aufregung über einen Japaner und die Vorstellung, dass er gar mit einer Weissen intim werden möchte, für eine analoge Blindheit gegenüber den starken Chiaroscuro-Bildern und dem gezügelt-intensiven Schauspielstil von The Cheat.
Aus dem Abstand eines vollen Jahrhunderts dürfen wir die gestalterischen Leistungen bewundern, ohne die fragwürdigen Seiten der beiden Filme zu übersehen. Bei aller Problematik klischeehafter Darstellungen sollte man auch bedenken, dass diese nicht zwangsläufig rassistischer Natur sein müssen, wie uns der zehn Jahre später entstandene US-amerikanische Film Body and Soul von Oscar Micheaux vor Augen führt. Es ist ein frühes, erst in neuerer Zeit gewürdigtes Beispiel eines Films über Schwarze, gedreht von einem schwarzen Filmemacher mit schwarzen Darstellern für ein (damals fast ausschliesslich) schwarzes Publikum – und er lässt uns erkennen, wie wesentlich zeitgeistig-allgegenwärtige Stereotype auch für das Selbstverständnis und die Binnenverständigung einer Bevölkerungsschicht sein können.
Der Nachruhm eines alten Films, das zeigen schon diese drei Beispiele, ist weder völlig zufällig – noch über jeden Revisionszweifel erhaben. So erweisen sich einige legendäre Titel aus den Jahren 1915 und 1925 als unverzichtbar, doch daneben muss auch das (womöglich zu Unrecht) Vergessene seinen Platz finden. Die Wiederentdeckungen treten dabei nicht unbedingt mit dem Anspruch an, die kanonisierten Titel aus dem Film-Olymp zu verdrängen, sie helfen vielmehr, diese im Zusammenhang zu verstehen und besser einzuschätzen. So darf man aufgrund der ersten Reaktionen des Filmhistorikers David Bordwell auf den lange Zeit völlig übersehenen deutschen Film Der Tunnel gespannt sein, der 1915 fast zur selben Zeit wie The Birth of a Nation entstand.
Wiederentdeckung und filmhistorische Berühmtheit brauchen sich nicht einmal auszuschliessen: Das sechsteilige deutsche Serial Homunculus ist als Titel in der einschlägigen Literatur durchaus präsent geblieben, nur galt es – abgesehen von einer einzigen Folge – bislang als verschollen. Stefan Drößler, dem Leiter des Filmmuseums München, ist es in langjähriger hartnäckiger Arbeit gelungen, diese Legende weitgehend zu rekonstruieren und wieder lebendig werden zu lassen. Eine kleine Sensation, die er in Zürich selbst präsentieren wird.
Leinwand- und Bühnenstars vergangener Tage werden zeigen, wie weit ihre einst magische Kraft noch zu strahlen vermag: Gloria Swanson, Lillian Gish, Francesca Bertini, Fritzi Massary und Marlene Dietrich, Paul Robeson, Paul Wegener, Victor Francen und Fritz Kortner, um nur einige zu nennen. Und die filmische Zeitreise erlaubt die Begegnung mit den jugendlichen Erstlingswerken nachmaliger Grössen wie Josef von Sternberg und Alfred Hitchcock.

Musikalische «Originaltexte» und heutige «Musiker-Dialoge»
Das Festival will jeweils neben der Vielfalt des «stummen» Filmschaffens und seiner bis heute starken Wirkung auch daran erinnern, dass dieses kaum je in völliger Stille gezeigt wurde. Zum Stummfilm gehört die das Filmwerk zur Geltung bringende und bereichernde musikalische Begleitung, ob komponiert oder improvisiert, ob zeitgenössisch oder heutig. Originalkompositionen gab es damals zwar nur für besonders prestigereiche Premieren, viel Notenmaterial ist verloren gegangen, und die alten Musiken waren auch nicht immer kongenial. Doch gibt es einige berühmte Ausnahmen. Dazu zählt die Komposition des italienischen Opernkomponisten Pietro Mascagni für Rapsodia satanica (1915) ebenso wie die Musik, die Edmund Meisel, teilweise in Zusammenarbeit mit Eisenstein, für die Berliner Premiere des Panzerkreuzers Potemkin geschrieben hat. Beide werden mit der Originalmusik gezeigt, wenn auch – allein schon aus Platzgründen – nicht live. Als weiteres Beispiel zeitgenössischer Begleitung bringt das Festival eine der ältesten deutschen Kompositionen für den Stummfilm: Die von Josef Weiss 1913 für den Studenten von Prag geschriebene und bei der Premiere selbst gespielte Musik wird im Filmpodium vom Pianisten Mark Pogolski (München) live aufgeführt.
Im Zentrum des Festivals stehen jedoch einmal mehr die «Dialoge» heutiger Musiker mit den alten Filmen. Neben den beim Zürcher Publikum bestens eingeführten einheimischen Vertretern des Fachs, Martin Christ (Ligerz), André Desponds (Zürich) und Alexander Schiwow (Zürich), kommen wieder international renommierte Künstler nach Zürich: Joachim Bärenz (Essen), Frank Bockius (Freiburg i. Br.), Günter A. Buchwald (Freiburg i. Br.), Stephen Horne (London), Maud Nelissen aus den Niederlanden und Gabriel Thibaudeau aus Montréal. Eine besondere Hommage gilt dem 2009 verstorbenen Aljoscha Zimmermann, der viele Jahre regelmässig im Filmpodium zu Gast war. Der Pianist Mark Pogolski und die Violonistin Sabrina Zimmermann (die man in Zürich mehrfach mit ihrem Vater zusammen hören konnte) werden seine Komposition zum Marlene-Dietrich-Film Die Frau, nach der man sich sehnt wieder zum Erklingen bringen.
Den Auftakt wird ein prominentes Debüt machen: Bruno Spoerri, als Jazz-Saxofonist und elektronischer Musiker weitherum bekannt, als Filmkomponist auch dem Schweizer Filmschaffen verbunden, geht erstmals unter die Live-Begleiter und wird zusammen mit Günter A. Buchwald ein Komödien-Programm befeuern.
Martin Girod