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The Real Eighties: Rückeroberung eines Jahrzehnts

Mit der Reihe «The Real Eighties» hat das Österreichische Filmmuseum Wien in seinem Mai/Juni-Programm den bisher wohl umfangreichsten Versuch unternommen, das amerikanische Kino der achtziger Jahre neu zu bestimmen. In reduzierter und leicht modifizierter Form übernehmen wir diese faszinierende Schau, die sich für die kleinen Karrieren vergessener Meisterregisseure ebenso interessiert wie für vermeintliche Nebenwerke anerkannter Grössen und für gegenläufige Texturen im kanonischen Lauf der Filmgeschichte. Eine geläufige Verfallsgeschichte besagt: Alles Übel im US-Kino entspringt den Achtzigern. Sie sind das Scharnier zwischen New Hollywood, dem «last hurrah» der amerikanischen Filmkunst und der High-Concept-Wüste der Gegenwart: eine Zeit des Übergangs, in der das amerikanische Kino sich im Einklang mit Präsident Reagans neoliberaler Agenda neu ordnete. Die Filmschau «The Real Eighties» hinterfragt diese Vorstellung und sucht nach den widerständigen Erzählungen und Texturen des verfemten Jahrzehnts – auch und gerade in der Mitte des Hollywood-Mainstreams. Dort, in unmittelbarer Nähe zu den Traumfabriken eines Steven Spielberg oder eines George Lucas, harren filmische Realismen ihrer Wiederentdeckung, die quer zu den politischen und ästhetischen Zumutungen der Ära stehen.
«The Real Eighties» schlägt Schneisen ins Kinojahrzehnt: Die Reihe interessiert sich für die kleinen Karrieren vergessener Meisterregisseure (Ivan Passer, Walter Hill, John Carpenter) ebenso wie für vermeintliche Nebenwerke anerkannter Grössen (Thief von Michael Mann; The King of Comedy von Martin Scorsese). Sie zeichnet die Laufbahnen einiger prägender Schauspieler nach (Mickey Rourke, Jeff Bridges) und trägt gegenläufige, verpasste oder gar verlorene Momente in den kanonischen Lauf der Filmgeschichte ein: Was wäre der heutige Blockbuster, wenn nicht Star Wars und E.T., sondern John Carpenters melancholisches Sci-Fi-Roadmovie Starman (1984) als Vorbild gedient hätte?
Die besten Filme dieses innerlich zerrissenen Jahrzehnts erzählen mit Nachdruck, aber ohne falsche Nostalgie vom Vergehen der Utopien der 1960er und 1970er Jahre – aber auch von Lebenslinien, die sich über alle Umbrüche hinweg fortschreiben: «Because it hurts so much to face reality», wie Robert Duvall als ausrangierter Countrysänger in Tender Mercies (1983) intoniert. Bruce Beresfords Country-Melodram gehört zu einer Gruppe von Filmen aus der ersten Hälfte der Achtziger, die sich auf die Lebenswelt der weissen Unterschicht einlassen, ohne bereits in den Klischees des White Trash gefangen zu sein. Weder «Problemfilme» noch «Milieustudien», entwerfen sie eine poetisch vermittelte Innenansicht des abgehängten Subproletariats.

Mehr als schöner Schein
Hollywood in den Achtzigern, darunter stellen sich viele ein Kino der gefälligen Oberflächen und Wahrnehmungsintensitäten vor. «The Real Eighties» begegnet diesem Vorurteil etwa mit abgründigen Noirs, die von einer grundlegenden Bilderskepsis zeugen, sich bisweilen aber auch verführen lassen von ihrer eigenen Schönheit – so Brian De Palmas Blow Out (1981) und David Lynchs Blue Velvet (1986).
Auch andere Bereiche des Genrekinos erfahren in den Achtzigern eine Renaissance. Die Reihe vollzieht insbesondere die Evolution der Komödie nach – von den ungehobelten, anarchischen Lustspielen der frühen Achtziger (Airplane! von Zucker, Abrahams & Zucker) über das solitäre Werk von Albert Brooks, des anderen grossen «Stadtneurotikers» (Modern Romance), bis zur neuen Form der Actionkomödie, die das Genre in der zweiten Hälfte der Dekade prägt (Midnight Run von Martin Brest). Daneben etablieren sich vor allem der postklassisch-drastische Horrorfilm und das dystopische Science-Fiction-Kino (Escape from New York von John Carpenter; James Camerons The Terminator als herausgehobene Reflexionsorte gesellschaftlicher Verwerfungen.
«The Real Eighties» ist es um eine kritische Errettung des Kinojahrzehnts zu tun, das – kraft seiner eigenen Bilder – unter Beweis stellen soll, welche filmischen Wirklichkeiten es dem viel beschworenen Wirklichkeitsverlust entgegenzusetzen vermag: Keine Restauration, sondern die lange überfällige Wiederbelebung eines einmaligen filmgeschichtlichen Erfahrungsraums zwischen Verlust, Exzess und Alltäglichkeit.
The Canine Condition

Zusatzinformationen: The Canine Condition ist der Name des Kuratorenkollektivs – Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, Fabian Tietke und Cecilia Valenti –, das die Wiener Reihe «The Real Eighties» zusammengestellt hat. Gemeinsam mit den regelmässigen Filmmuseum-Autoren Christoph Huber und Harry Tomicek zeichnet es mit seinen Initialen auch für das Gros der nachfolgenden Kurztexte.